<?xml version="1.0" encoding="UTF-8"?>
<rss version="2.0"
	xmlns:content="http://purl.org/rss/1.0/modules/content/"
	xmlns:wfw="http://wellformedweb.org/CommentAPI/"
	xmlns:dc="http://purl.org/dc/elements/1.1/"
	xmlns:atom="http://www.w3.org/2005/Atom"
	xmlns:sy="http://purl.org/rss/1.0/modules/syndication/"
	xmlns:slash="http://purl.org/rss/1.0/modules/slash/"
	>

<channel>
	<title>Iconic Turn &#187; Burda</title>
	<atom:link href="http://www.iconicturn.de/tag/burda/feed/" rel="self" type="application/rss+xml" />
	<link>http://www.iconicturn.de</link>
	<description>Neues aus den Bildwissenschaften</description>
	<lastBuildDate>Mon, 11 Apr 2011 15:28:36 +0000</lastBuildDate>
	<generator>http://wordpress.org/?v=2.8-RC1</generator>
	<language>en</language>
	<sy:updatePeriod>hourly</sy:updatePeriod>
	<sy:updateFrequency>1</sy:updateFrequency>
			<item>
		<title>Wer sieht sich wie und möchte welches Bild von sich?</title>
		<link>http://www.iconicturn.de/2007/07/wer-sieht-sich-wie-und-mochte-welches-bild-von-sich/</link>
		<comments>http://www.iconicturn.de/2007/07/wer-sieht-sich-wie-und-mochte-welches-bild-von-sich/#comments</comments>
		<pubDate>Fri, 20 Jul 2007 08:03:14 +0000</pubDate>
		<dc:creator>sh</dc:creator>
				<category><![CDATA[Uncategorized]]></category>
		<category><![CDATA[Burda]]></category>
		<category><![CDATA[Selbstbild]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.iconic-turn.de/?p=184</guid>
		<description><![CDATA[Über die Selbstinszenierung in Porträtbildnissen von Jan van Eyck bis Andy Warhol
Autor: Hubert Burda

In der heutigen Mediengesellschaft, in der eine Vielzahl unterschiedlicher Medien im Wettbewerb um die Aufmerksamkeit des Zuschauers, Lesers oder Hörers miteinander konkurriert, ist Selbstinszenierung ein probates Mittel, um Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Die medialen Ausdrucksformen hierfür haben sich parallel zur Entwicklung [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<div>Über die Selbstinszenierung in Porträtbildnissen von Jan van Eyck bis Andy Warhol</div>
<div>Autor: Hubert Burda</div>
<div></div>
<div><img class="alignleft size-full wp-image-185" title="563823" src="http://www.iconic-turn.de/wp-content/uploads/2009/06/VanEyck_Mann_mit_Turban_02.jpg" alt="563823" width="250" height="343" />In der heutigen Mediengesellschaft, in der eine Vielzahl unterschiedlicher Medien im Wettbewerb um die Aufmerksamkeit des Zuschauers, Lesers oder Hörers miteinander konkurriert, ist Selbstinszenierung ein probates Mittel, um Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Die medialen Ausdrucksformen hierfür haben sich parallel zur Entwicklung neuer Medien in den zurückliegenden Jahren so stark demokratisiert, dass heute im Grunde jeder, der auf sich aufmerksam machen und der Öffentlichkeit ein bestimmtes Bild von sich vermitteln möchte, dies auch tun kann.</div>
<div></div>
<div>Zwar war die Selbstinszenierung von Personen von jeher Bestandteil von Portraitdarstellungen, doch erfährt sie mit Beginn der neuzeitlichen Portraitmalerei im 15. Jahrhundert eine neue Qualität. Ich möchte im Folgenden einen Blick auf die Anfänge der neuzeitlichen Porträtdarstellung werfen und ihre Entwicklung bis in die heutige Zeit verfolgen. <span id="more-184"></span>Im Vordergrund der Untersuchung wird der Aspekt stehen, was die jeweilige Selbstinszenierung über das Bild aussagt, das der Dargestellte von sich selbst hatte und das er an eine bestimmte Community vermitteln wollte. Ich greife nur einige wenige signifikante Beispiele heraus, die mir im Zusammenhang mit den Formen von Selbstinszenierung, mit denen wir es heute zu tun haben, symptomatisch zu sein scheinen. Von den meisten Portraitbildern, die ich hier vorstelle, wissen wir, dass es sich um Auftragsbilder handelte. Obwohl wir nur in Einzelfällen, wie etwa dem Reiterporträt Napoleons von Jacques Louis David, Kenntnis davon haben, dass der Auftraggeber mit der Art der bildlichen Repräsentation in hohem Maße einverstanden war, können wir bei einem Auftragsporträt grundsätzlich davon ausgehen, dass es weitgehend mit dem Bild identisch war, das der Dargestellte von sich selbst hatte und mit der Porträtdarstellung vermitteln wollte.<br />
Es wird bewusst darauf verzichtet, die großartigen Künstlerselbstporträts, die das Genre im Laufe der Jahrhunderte hervorgebracht hat, angefangen von den rätselhaften Selbstbildnissen Rembrandts im Kostüm bis zu den einzigartigen Selbstzeugnissen Cézannes und Max Beckmanns, in diese Untersuchung mit einzubeziehen. Anders als die gleichzeitigen Bürgerportraits künden diese Künstlerportraits nicht vom neuen Selbstbewusstsein einer aufgestiegenen Schicht, sondern sind Ausdruck eines existenziellen Staunens dem Kosmos, dem eigenen Leben und der Zeit und Umwelt gegenüber, in der die Künstler lebten.<br />
Die hier besprochenen Bilder kann man, um einen Begriff meines Lehrers Hans Sedlmayr zu verwenden, als ‚kritische Formen’ ihrer Zeit bezeichnen. Der methodische Ansatz der kritischen Form ermöglicht es, für die Analyse von Kunstwerken die „weit verzweigten Phänomene aus einem Quellpunkt, welcher das einheitsstiftende Zentrum von sonst nur als unzusammenhängenden, hinzunehmenden Faktoren aus Kunst- und Kulturgeschichte ist“, heranzuziehen. Dabei kann durchaus auch auf „niedrige Formen“ künstlerischer Artikulation zurückgegriffen werden.<span style="font-style: italic;">1</span> Insbesondere Letzteres ermöglicht es relativ unkompliziert einen Bezug zu heutigen Formen personaler Repräsentation herzustellen.</p>
<p><span style="font-weight: bold;">Inszeniertes Selbstbewusstsein einer aufgestiegenen Klasse</span><br />
Ich möchte mit einem Bild aus den Anfängen der neuzeitlichen Porträtkunst beginnen, das mir für alles, was sich mit dieser Bildform an neuen Ausdrucksmöglichkeiten verbindet, bezeichnend zu sein scheint: Jan van Eycks „Mann mit Turban“ von 1432.<br />
Das Bild wird von der neueren Forschung allgemein als Selbstbildnis des Künstlers angesehen. Hans Belting und Christiane Kruse schreiben über das Bild, der Blick des Dargestellten sei so selbstbewusst und forschend, dass man sich ihm kaum entziehen könne<span style="font-style: italic;">2</span>,  und die Kopfbedeckung, ein massiger roter Turban mit „bizarrem Gefält“, spreche „von der Eitelkeit des Künstlers bei der Selbstdarstellung“. Das Porträt Jan van Eycks, den Hans Belting zusammen mit Rogier van der Weyden für die Erfindung des Gemäldes als selbstständiger Kunstgattung verantwortlich sieht, legt eindrucksvoll Zeugnis ab vom neuen Selbstbewusstsein einer aufgestiegenen bürgerlichen Schicht und ihres Anspruchs, dieses im Porträtbild zum Ausdruck zu bringen.<br />
Die Zeit zwischen 1400 und 1450, in der das neuzeitliche Tafelbild entstand, ist von zwei  unterschiedlichen künstlerischen Strömungen geprägt: In Italien schafft Leon Battista Alberti mit seinen grundsätzlichen Überlegungen zur Malkunst die theoretischen Grundlagen für zukünftige perspektivische Darstellungen; in den Handelsstädten Gent und Brügge, die mit Italien enge Handelsbeziehungen pflegen, so dass neue künstlerische Ideen schnell exportiert werden, entsteht gleichzeitig eine ganz neue Realität bildlicher Darstellung. Belting und Kruse sehen in der Verschmelzung von beidem, der schematischen innerbildlichen Ästhetik Italiens und dem Weltbezug der neuen bürgerlichen Kultur des Nordens, die Voraussetzung für die Erfindung des Gemäldes als selbständiger Kunstgattung. Das Porträtbild gilt ihnen als Symbol einer gemalten Anthropologie, in der sich die innere und die äußere Sicht von Welt vereinigen.<span style="font-style: italic;">3</span><br />
Das neuzeitliche Porträt, wie es das Selbstbildnis Jan van Eycks verkörpert, bildet sich in der wechselseitigen Spannung zwischen etabliertem Adel und aufsteigenden Bürgerschichten heraus. Wer aufgestiegen war, hatte sich das Recht auf ein eigenes Bildnis erworben, welches in früheren Zeiten allein den Heiligen vorbehalten gewesen war. Ich möchte im Folgenden anhand einiger weniger ausgewählter Beispiele zeigen, wie die jeweils neu aufsteigenden sozialen Schichten die Repräsentationsform des Porträts dazu benutzten, ihren Anspruch auf Macht und Status augenfällig zu machen, wie das gemalte Porträtbild durch die Erfindung der Fotografie diese Funktion einbüßte und wie die Aufgaben des Porträts mit der Demokratisierung der Selbstinszenierung in der Mediengesellschaft von anderen medialen Ausdrucksformen übernommen werden.</p>
<p><img style="border-style: solid; border-width: 0px; width: 250px; height: 320px; float: right; margin-left: 10px; margin-bottom: 5px;" title="Albrecht Dürer: Erasmus von Rotterdam" src="http://www.iconicturn.de/uploads/RTEmagicC_Duerer_Erasmus.jpg.jpg" alt="Albrecht Dürer: Erasmus von Rotterdam" />Albrecht Dürers bekannter Porträtstich des Erasmus von Rotterdam erfüllt den neuen Anspruch des bürgerlichen Porträts, inszeniertes Imago einer Person zu sein, perfekt: Es ist einerseits  Abbild und als solches dem Erasmus ähnlich, repräsentiert aber in der Art, wie es den großen Humanisten in Szene setzt, gleichzeitig auch dessen persönliche wie kulturhistorische Bedeutung (Abb.2). <span style="font-style: italic;">4</span></p>
<p>Dürer zitiert zu diesem Zweck das Studiolo-Motiv, wie wir es von vielen Hieronymusdarstellungen kennen, und kennzeichnet die dargestellte Person damit als Gelehrten. Die verwendete Technik des Kupferstichs, die neben dem Holzschnitt das erste Bildmedium war, das auf einfache Art Vervielfältigungen ermöglichte, lässt darauf schließen, dass das Porträtbild dazu gedacht war, ein bestimmtes Bild des Humanisten an eine interessierte Öffentlichkeit zu vermitteln. Die gerahmte Schrifttafel neben Erasmus liefert eine zusätzliche Erklärung, wie das Bild zu lesen ist: Der Künstler trennt imago und effigies des Erasmus und weist den Betrachter in lateinischer und griechischer Sprache darauf hin, dass sich das eigentliche Bild des Erasmus nur aus dessen Schriften erschließt, die im Vordergrund des Bildes ausgelegt sind.<br />
Ein exzellentes Beispiel dafür, mit welchem hohen Anspruch sich die aufgestiegene bürgerliche Schicht der Kaufleute porträtieren ließ, ist Hans Holbeins Porträt des Kaufmanns Georg Gisze von 1532 (Abb.3).</p>
<p><img style="border-style: solid; border-width: 0px; width: 225px; height: 255px; float: right; margin-left: 10px; margin-bottom: 5px;" title="Hans Holbein: Bildnis des Kaufmanns Georg Gisze" src="http://www.iconicturn.de/uploads/RTEmagicC_Holbein_Gisze.jpg.jpg" alt="Hans Holbein: Bildnis des Kaufmanns Georg Gisze" /> Es gibt in diesem Bildnis eines stolzen jungen Mannes kein Detail, das nicht in Verbindung mit dessen Anspruch auf Repräsentation seiner gesellschaftlichen Stellung zu sehen wäre, angefangen vom orientalischen Teppich über die Vase mit Nelken und Rosmarin, die zierliche Waage, die goldene Dosenuhr bis hin zum Handstempel mit dem Kaufmannszeichen. <span style="font-style: italic;">5</span><br />
Gisze wird damit zum Mercator doctus, einem Kaufmann auf der Höhe seiner Zeit. Er war in Danzig geboren, wollte sich aber als erfolgreicher Händler am Handelsplatz London darstellen lassen, um dem dortigen ‚inner circle’ der Kaufleute ein bestimmtes Bild von sich zu vermitteln. Die Verträge und die zahlreichen anderen Objekte, die den Kaufmann umgeben, verfolgen vorrangig den Zweck, ihn als Person von hoher Kredibilität in Geldfragen sowie als guten Kenner der globalen Märkte auszuweisen. Dies war zur Regierungszeit Heinrichs VIII. insofern von großer Wichtigkeit, als sich zu dieser Zeit die erste Globalisierung vollzog.<br />
Die Inszenierung des aufgestiegenen Bürgertums bringt mit dem holländischen Gruppenporträt noch eine weitere Bildgattung hervor.<span style="font-style: italic;">6</span> Ein herausragendes Beispiel dafür ist Rembrandts  De Staalmeesters von 1662,  das als eines von sechs Gruppenporträts der Mitglieder der Tuchhändlerzunft im großen Saal dieser Zunft in Amsterdam hing (Abb.4).<span style="font-style: italic;">7</span></p>
<p><img style="border-style: solid; border-width: 0px; width: 250px; height: 169px; float: left; margin-right: 10px; margin-bottom: 5px;" title="Rembrandt, De Staalmeesters" src="http://www.iconicturn.de/uploads/RTEmagicC_Rembrandt_Staalmeesters.jpg.jpg" alt="Rembrandt, De Staalmeesters" /> Mit diesem Bildtypus ist in der bürgerlichen Gesellschaft Hollands etwas entstanden, das im Europa des Absolutismus eine absolute Ausnahmeerscheinung war: Der Einzelne wird als Mitglied einer gleich gesinnten Gruppe dargestellt und repräsentiert innerhalb dieser Gruppe ihr „imaginäres, ideales Bild, das Bild einer harmonischen konfliktfreien Verbindung von Individuen und Gemeinschaft“.<span style="font-style: italic;">8</span> Die neue erfolgreiche Elite fühlt sich am stärksten in der Gruppe und setzt mit dem Typus des Gruppenbildes das bürgerliche Selbstbewusstsein gegen die absolutistische Hofgesellschaft.</p>
<p><span style="font-weight: bold;">Theatralische Pose im Portrait absolutistischer Herrschaft</span><br />
<img style="border-style: solid; border-width: 0px; width: 250px; height: 313px; float: left; margin-right: 10px; margin-bottom: 5px;" title="Hyacinthe Rigaud, Ludwig XIV" src="http://www.iconicturn.de/uploads/RTEmagicC_Rigaud_LouisXIV.jpg.jpg" alt="Hyacinthe Rigaud, Ludwig XIV" /> Etwa zur gleichen Zeit, in der Rembrandt in der Bürgerstadt Amsterdam die Staalmeesters porträtierte, informierte der 23 Jahre alte König Ludwig XIV. in Paris seine Minister davon, dass er von nun an die Staatsgeschäfte selbst in die Hand nehmen und auch selbst als erster Minister des Staates fungieren werde. Entsprechend seinem Wahlspruch „In meinem Herzen ziehe ich den Ruhm allem anderen vor“ ließ er sich später von Hyacinthe Rigaud in der Pose des absolutistischen Herrschers porträtieren (Abb. 5).<span style="font-style: italic;">9</span></p>
<p>Das Bild zeigt den Herrscher in seinem 63. Lebensjahr in einer Pose, die seinen absoluten Machtanspruch perfekt ausdrückt: Er ist umhüllt von den schweren Stoffmassen des königlichen Krönungsornats in Bleu Royal mit den Lilien Frankreichs, ein Fuß ist leicht vorgesetzt, die rechte Hand liegt auf dem Szepter, die linke auf dem Schwert. Eine wahrhaft königliche Haltung und ein Auftritt, wie er prunkvoller kaum vorstellbar ist. Der Charakter der großen theatralischen Inszenierung, den das Bild vermittelt,  wird noch unterstrichen durch die gewaltige Vorhangkulisse, vor der der König posiert, und durch das wie von einem Scheinwerfer direkt von vorne kommende Licht.<br />
Ähnlich theatermäßig, aber zusätzlich auch noch auf die Tradition des imperialen Reiterstandbildes rekrutierend, porträtiert 100 Jahre später Jaques Louis David den 31-jährigen Napoleon Bonaparte, der zu dieser Zeit die Herrschaft des Revolutionsdirektoriums durch einen Putsch beendet und sich selbst als Ersten Konsul an die Spitze des Staates gesetzt hatte (Abb. 6).<span style="font-style: italic;">10</span></p>
<p><img style="border-style: solid; border-width: 0px; width: 205px; height: 242px; float: right; margin-left: 10px; margin-bottom: 5px;" title="Jaques Louis David, Napoleon beim Übergang über den Großen St. Bernhard" src="http://www.iconicturn.de/uploads/RTEmagicC_David_Napoleon.jpg.jpg" alt="Jaques Louis David, Napoleon beim Übergang über den Großen St. Bernhard" /> Das Bild zeigt Napoleon mit wallendem Umhang auf einem sich aufbäumenden Schimmel. Die rechte Hand zeigt in die Richtung der Passhöhe des großen St. Bernhard, die es mit einem Heer von 30.000 Mann zu überwinden gilt. Auf der Felsenplatte in der linken unteren Ecke sind neben seinem eigenen auch die Namen seiner großen Vorbilder Hannibal und Carolus Magnus in den Stein gehauen. Der Überlieferung nach hat Napoleon die Alpen zwar nicht auf dem Rücken eines edlen Pferdes überquert, das den Strapazen der eisigen Kälte auf dem Übergang auch kaum gewachsen gewesen wäre, sondern auf einem Maultier. Doch ging es in Davids Bildnis auch nicht um die exakte Darstellung der Passüberschreitung, die tatsächlich eine heroische Leistung war und dem französischen Heer den Sieg über die Österreicher einbrachte, sondern das Reiterportrait Napoleons sollte dessen politischen Machtanspruch als Erster Konsul repräsentieren. In den Augen Napoleons hatte David mit diesem Bild eine derart überzeugende Ausdrucksform für sein herrscherliches Selbstverständnis gefunden, dass  er sogleich drei Repliken in Auftrag gab.</p>
<p><span style="font-weight: bold;">Übernahme der Repräsentationsfunktion des Portraitbildes durch die Fotografie</span></p>
<p>Die große Zeit der Portraitmalerei, die mit Davids großartigem Napoleonbild nochmals einen einsamen Höhepunkt erfuhr, war zu dieser Zeit eigentlich schon vorbei. Wir befinden uns im Zeitalter des technologischen Fortschritts, der auch im Bereich der Porträtmalerei tiefe Spuren hinterlassen wird. Im Jahr 1826 gelingt Nicéphore Niépce in Chalon-sur-Saône nach einer  Belichtungszeit von acht Stunden die weltweit erste Fotografie.<span style="font-style: italic;">11</span> Diese Erfindung wird zu einem Desaster für die französischen Porträtmaler. Man schätzt, dass zu dieser Zeit allein in Paris etwa 20.000 Maler von dieser Tätigkeit lebten. Davon wurde im Verlauf der nächsten 15 Jahre mehr als die Hälfte arbeitslos. Die Menschen, die sich porträtieren lassen wollten, hatten das Gefühl, dass die Fotografie die bildliche Repräsentation, die sie von sich sehen wollten, getreuer wiedergeben konnte als die Malerei. Fortan gab es immer weniger Menschen, die sich noch von einem Maler porträtieren lassen wollten, zumal sich die Technik der Porträtfotografie so rasch weiter entwickelte, dass bereits im Jahr 1841 in Paris die erste größere Ausstellung von Porträtfotografien stattfinden konnte.<br />
Zahlreiche figurative Bildnisse von Eugène Delacroix bis zu Edouard Manet und Paul Cézanne, wie sie in den folgenden Jahrzehnten entstanden, legen beredtes Zeugnis ab von der Suche der Maler nach neuen Aufgaben für die figurative Malerei. Einen trickreichen Sonderweg beschritt der Münchner Malerfürst Franz von Lenbach, dessen Porträts des Reichskanzlers Bismarck eine gelungene Symbiose aus Fotografie und Malerei darstellen. Lenbach, der die Bismarck’schen Konterfeis mit einem Zug des Genialen versah, traf mit diesem Darstellungstypus genau den Zeitgeschmack. Seine Bilder, die in Form von Postkarten und Sammelmappen regelrecht vermarktet wurden, sprachen von der politischen Größe eines großen Mannes in einer großen Zeit.</p>
<p><span style="font-weight: bold;">Die Entdeckung neuer Qualitäten in der Portraitmalerei des 20. Jahrhunderts</span><br />
Das Kunstwollen im Riegel’schen Sinne ging ab 1900 jedoch in eine ganz andere Richtung. Mit einer neuen Künstlergeneration und den Bildern von Gustav Klimt, Egon Schiele, Oskar Kokoschka, den französischen Fauves und den Dresdener Brücke-Künstlern, allen voran Ernst Ludwig Kirchner, nahm das Porträtbild einen neuen Aufschwung und entwickelte Qualitäten, die es weit von den – damals noch sehr beschränkten- Möglichkeiten der Fotografie entfernten. Am erfindungsreichsten bei der Behandlung des Genres war Pablo Picasso, der alles ausprobierte, was es an malerischen Möglichkeiten für die Darstellung von Personen gab, und zu so unterschiedlichen Lösungen wie dem Bildnis der Gertrude Stein von 1906 und dem Bildnis der Dora Maar von 1941 gelangte.</p>
<p><img style="border-style: solid; border-width: 0px; width: 200px; height: 248px; float: left; margin-right: 10px; margin-bottom: 5px;" title="Georg Meistermann , Willy Brandt" src="http://www.iconicturn.de/uploads/RTEmagicC_meistermann_brandt.jpg.jpg" alt="Georg Meistermann , Willy Brandt" /> Welche Schwierigkeiten sich generell mit dem Schwinden des Realismus für das Tafelbild als Mittel personaler Repräsentation ergaben, verdeutlicht ein Blick auf das Porträt, das Georg Meistermann von dem damaligen Bundeskanzler Willy Brandt anfertigte (Abb. 7).<span style="font-style: italic;">12</span> Das Bild stellt eine  ‚kritische Form’ des repräsentativen Porträts dar, insofern es zwar repräsentativ für das Kunstwollen einer bestimmten Zeit ist, jedoch so gut wie keinen sichtbaren Bezug zu Person und Bedeutung des Dargestellten mehr erkennen lässt. Nach allem, was aus der Umgebung Willy Brandts damals zu hören war – er selbst hat sich zu dem Bild niemals offiziell geäußert -, konnte er mit seinem blutroten, fast abstrakten Konterfei wenig anfangen. Sein Nachfolger Helmut Schmidt ließ das Bild aus der Kanzleramtsgalerie entfernen, und Helmut Kohl ließ es durch ein realistisch gemaltes Konterfei von Brandt ersetzen.<br />
<span style="font-weight: bold;">Die Neuerfindung der Portraitdarstellung durch Andy Warhol</span></p>
<p>Zur gleichen Zeit, als Meistermann sein ungeliebtes Kanzlerporträt fertigte, erfand Andy Warhol die Gattung des Porträts noch einmal neu und entwickelte dafür eine Bildtechnik, die die Technik des fotografischen Abbildes mit der Siebdrucktechnik und Übermalungen in Acryl verknüpfte. Seine Bilder, die dem Dargestellten die Aura von Ikonen verliehen, wurden zum verbindlichen Porträttypus einer neu aufgestiegenen internationalen Gesellschaft von „Celebrities“. Warhols spezielles Interesse galt der Erfahrung von Wirklichkeit, wie sie sich in den Bilderwelten der Massenmedien widerspiegelt. Dabei interessierte ihn insbesondere der Mythos vergangener und gegenwärtiger Hollywoodstars wie Greta Garbo, Elizabeth Taylor und Marilyn Monroe, mit dem der junge Warhol in der Kleinstadt aufgewachsen war.</p>
<p>Das bildliche Repertoire des Starkults hatte sich erstmals in den 30er Jahren mit den neuen Stars des Tonfilms wie Greta Garbo, Marlene Dietrich oder Jean Harlow herausgebildet. Warhol war fasziniert von der Durchgängigkeit des Aufbaus und der Inszenierung von Starportraits, wie sie sich, abgesehen von unwesentlichen Änderungen, bis heute erhalten haben. Die Bildvorlagen, nach denen er seine Siebdrucke fertigte, gewann er aus Film Stills (z.B. <a title="Mata Hari (1931)" href="http://www.imdb.com/gallery/mptv/1109/Mptv/1109/0702_0775.jpg.html?path=gallery&amp;path_key=0023196">Greta Garb als Mata Hari</a>), Illustriertenfotos und den Bildseiten der Boulevardzeitungen, die aktuell über Ereignisse aus dem Leben von Filmstars berichten.<span style="font-style: italic;">13 </span></p>
<p>Die ikonischen Portraitbilder im Stil der Starportraits, die Warhol von Celebrities der internationalen Gesellschaft herstellte, fanden großen Zuspruch. Warhol hatte damit offenbar einen Nerv der Zeit getroffen. Die Art und Weise, wie er Menschen mit technischen Mitteln ins Bild setzte, übte aber auch großen Einfluss auf die Werbung aus. (siehe <a title="Andy Warhol, Greta Garbo" href="http://www.extralot.com/description.php?lang=1&amp;item=35674#detail" target="_blank">Andy Warhol, Greta Garbo</a> als Mata Hari, 1981)</p>
<p><span style="font-weight: bold;">Die Demokratisierung bildlicher Repräsentationsformen in der Mediengesellschaft</span></p>
<p>Der Drang zur bildlichen Repräsentation ist bis heute ein wichtiges Motiv geblieben, doch spielen die Malerei wie die bildende Kunst insgesamt dafür keine Rolle mehr. Für die Mitglieder der Mediengesellschaft zählt nur noch, wann und wie oft sie in welchen Medien vorkommen und wie häufig sie dort zitiert werden. Anlass und Zweck können dabei sehr verschieden sein. Der Schauspieler auf der Titelseite der Fernsehzeitschrift soll die Einschaltquote einer bestimmten Sendung erhöhen. Dem Politiker, der Gast in den Talksendungen von Johannes B. Kerner bis Sabine Christiansen ist, geht es um die eigenen Popularitätswerte. Der Romanautor, dessen neues Buch in einer Fernsehsendung vorgestellt wird, erhofft sich dadurch einen zusätzlichen Verkauf von Büchern.<br />
„Images need to be shared“, davon war Andy Warhol zutiefst überzeugt. Je bekannter dein Gesicht ist, desto höher sind dein Marktwert und die damit verbundene persönliche Rendite in der neuen Ökonomie der Aufmerksamkeit. Heutige Zwanzigjährige stellen sich, um ihre persönliche Bedeutung auszutesten, gegenseitig die Frage nach der Anzahl der Einträge, die sie bei Google haben. Auch Fragen wie „Wieviele Menschen lesen meinen Weblog und mailen mir zurück?“ oder „Wieviele Fotos von mir sind auf Flickr?“ zielen auf Darstellung und Vermittlung der eigenen Rolle und Bedeutung. Entsprechend gibt es mit der Suchmaschine A9.com nun auch ein Werkzeug, das alle Texte und Bilder im Internet findet, die über eine Person in Magazinen, Zeitungen, Blogs, Büchern, Filmen etc. veröffentlicht wurden.<br />
Die Grenzen zwischen öffentlich und privat verwischen zunehmend. Dabei können neue Medien alte Funktionen übernehmen, wie die großen Bildtafeln mit den Werbeporträts bekannter Persönlichkeiten zeigen, die sich weltweit in allen großen Städten finden. Wenn man will, kann man darin eine weitläufig Fortsetzung der Fassadenmalerei der Renaissance sehen mit dem großen Unterschied, dass mit den heutigen Fassadenbildern <img style="border-style: solid; border-width: 0px; width: 250px; height: 173px; float: left; margin-right: 10px; margin-bottom: 5px;" title="Outdoor-Werbung mit Oliver Kahn für die Firma Adidas" src="http://www.iconicturn.de/uploads/RTEmagicC_Adidas_Kahn.jpg.jpg" alt="Outdoor-Werbung mit Oliver Kahn für die Firma Adidas" />Werbeeinnahmen generiert werden. Das Porträtfoto der Prominenten ist zum Werbeträger geworden, der die Aufmerksamkeit auf eine Marke, ein Produkt lenkt und dieses wertvoll und begehrenswert machen soll. Die Sportartikelfirma Adidas, Einkleider der deutschen Fußballnationalmannschaft, schaltete während der Fußballweltmeisterschaft Porträtbilder der für sie werbenden Fußballstars Michael Ballack, Oliver Kahn und David Beckham sowohl im Fernsehen wie in den Print- und Onlinemedien und zeigte sie außerdem auch noch in Form riesiger Outdoor-Poster (Abb. 10). Die geschätzten Kosten von 500 Millionen Euro, die für diese Kampagne aufgewendet wurden, machen deutlich, wie hoch der Einfluss von Prominentenköpfen für Image und Umsatz einer Marke heute eingeschätzt wird.</p>
<p>Mehr als zweitausend Jahre, nachdem mit Augustus erstmals ein Herrscher mittels der Technik der Münzprägung sein Porträt unter die Menschen brachte, sind die Möglichkeiten äußerst vielfältig geworden, das eigene Bild an die Öffentlichkeit zu kommunizieren. Printmedien, Fernsehen und Internet sind eine enge Verbindung eingegangen und haben das Motto der Hippiegeneration aus dem San Francisco der späten 1960er Jahre „Expose yourself!“ Wirklichkeit werden lassen. Heute kann jeder, der will, auf sich aufmerksam machen und mit Hilfe des Internets zum multimedialen Medienproduzenten werden. Auf der Videoplattform YouTube.com waren ein Jahr nach dem Start gemäß des Mottos der Plattform „Broadcast yourself“ bereits 40 Millionen persönliche Kurzvideos abgelegt, die jedem Besucher der Plattform zugänglich sind. Das Porträt, mit dem sich die neu aufgestiegenen bürgerlichen  Schichten im 15. Jahrhundert ihren Wunsch nach Repräsentation erfüllten, hat im Verlauf der folgenden Jahrhunderte so manche Veränderung erfahren. Sie hingen einerseits mit dem gesellschaftlichen Fortschritt, andererseits mit technologischen Innovationen zusammen. Was hingegen alle Veränderungen überdauert hat, ist der in Portraitbildern angelegte Repräsentationsanspruch aufstrebender Schichten. Dieser kann als Wegweiser für sich entwickelnden Porträtformen des 21. Jahrhunderts dienen.</p>
<p>__________________<br />
1  Methoden der Kunstgeschichte &#8211; Zu drei Vorträgen von Hans Sedlmayr, in: Salzburger Museumsblätter 36, 2, 1975, 5f.</p>
<p>2 Hans Belting/Christiane Kruse, Die Erfindung des Gemäldes, München 1994, 151.</p>
<p>3 Belting/Kruse 1994 (wie Anm. 2), 51.</p>
<p>4 Jörg Robert: Evidenz des Bildes, Transparenz des Stils. Dürer, Erasmus und die Semiotik des Portraits, in: Frank Büttner/ Gabriele Wimböck (Hrsg.), Das Bild als Autorität. Die normierende Kraft des Bildes, Münster 2004, 205-226; vgl. auch Erwin Panofsky: Das Leben und die Kunst Albrecht Dürers, München 1977; Albrecht Dürer: Das Druckgraphische Werk, bearb. v. Rainer Schoch/ Mattias Mende/Anna Scherbaum, Bd. 1, Kupferstiche, Eisenradierungen und Kaltnadelblätter, München 2001.</p>
<p>5 Oskar Bätschmann/Pascal Griener: Hans Holbein, Köln 1997, 181 ff; Kat. Hans Holbein the Younger. 1497/98 – 1543. Portraitist of the Renaissance, Royal Cabinet of Paintings Mauritshuis, The Hague, Zwolle 2003, 24-26.</p>
<p>6 Alois Riegl: Das holländische Gruppenportrait, Wien 1931..</p>
<p>7 Gary Schwartz: Rembrandt. His Life, his Paintings, New York 1985, 336f.; Kenneth Clarke: An Introduction to Rembrandt, London 1978, 111ff.; Otto Pächt: Rembrandt, München 1991.</p>
<p>8 Daniela Hammer-Tugendhat: Rembrandt und der bürgerliche Subjektentwurf. Utopie oder Verdrängung?, in: Ulrich Bielefeld/ Gisela Engel (Hrsg.), Bilder der Nation. Kulturelle und politische Konstruktion des Nationalen am Beginn der europäischen Moderne, Hamburg 1998, 154 – 178.</p>
<p>9 Stéphan Perreau: Hyacinthe Rigaud 1659 – 1743.Le peintre des rois, Montpellier 2004.</p>
<p>10 Warren Roberts : Jacques-Louis David. Revolutionary Artist. Art, Politics, and the French Revolution, Chapel Hill 1989, 129 ff.; Kat. Jacques-Louis David. Empire to Exile, J. Paul Getty Museum/ Sterling and Francine Clark Institute, Los Angeles/ Williamstown Mass. 200, hrsg. v. Philippe Bordes, New Haven u.a. 2005, 83-91.</p>
<p>11 Michel Frizot (Hrsg.): Nouvelle histoire de la photographie, Paris 2001, 20 f.; Walter Koschatzky: Die Kunst der Photographie. Technik, Geschichte, Meisterwerke, Salburg 1984, 47- 56.</p>
<p>12 Jutta Held: Zum Politikerportrait um 1970. Georg Meistermann malt Willy Brandt, in: Das Regime als Image. Zwischen mimischen Display und Corporate Branding, Wabern-Bern 2003, 170 – 198; Karl Ruhrberg/Werner Schäfke (Hrsg.): Georg Meistermann. Monographie und Werkverzeichnis, Köln 1991.</p>
<p>13 Vincent Lavoie: Le dernier tabloid. Image de presse et culture médiatique dans l’œuvre d’Andy Warhol, in: Etudes photographiques 4/1998, 101-119; Frayda Feldman/ Jörg Schellmann (Hrsg.): Andy Warhol Prints. A Catalogue Raisonné 1962 – 1987, New York 2003, insbes. 179 ; David Bourdon : Warhol, New York 1989, 124 ff.</p>
<p>_____</p></div>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.iconicturn.de/2007/07/wer-sieht-sich-wie-und-mochte-welches-bild-von-sich/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Mediale Tangenten</title>
		<link>http://www.iconicturn.de/2007/07/mediale-tangenten/</link>
		<comments>http://www.iconicturn.de/2007/07/mediale-tangenten/#comments</comments>
		<pubDate>Tue, 10 Jul 2007 08:33:40 +0000</pubDate>
		<dc:creator>sh</dc:creator>
				<category><![CDATA[Uncategorized]]></category>
		<category><![CDATA[Burda]]></category>
		<category><![CDATA[Medien]]></category>
		<category><![CDATA[Sloterdijk]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.iconic-turn.de/?p=203</guid>
		<description><![CDATA[Ein Festvortrag für Peter Sloterdijk
von Hubert Burda
Wenn für manche die Wirklichkeit durch die Medien erzeugt wird, kann man sich vorstellen, dass es zu der Arbeit eines Philosophen gehört, über diesen Zusammenhang nachzudenken. So ist es auch bei Peter Sloterdijk. Sein Werk erlaubt wie wenige, Vergleiche zwischen der großen Zeit der nautischen Entdeckungen und der heutigen [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Ein Festvortrag für Peter Sloterdijk</p>
<p>von Hubert Burda</p>
<p><img class="alignleft size-full wp-image-204" title="globus_behaim" src="http://www.iconic-turn.de/wp-content/uploads/2009/06/globus_behaim.jpg" alt="globus_behaim" width="230" height="233" />Wenn für manche die Wirklichkeit durch die Medien erzeugt wird, kann man sich vorstellen, dass es zu der Arbeit eines Philosophen gehört, über diesen Zusammenhang nachzudenken. So ist es auch bei Peter Sloterdijk. Sein Werk erlaubt wie wenige, Vergleiche zwischen der großen Zeit der nautischen Entdeckungen und der heutigen digitalen Revolution zu ziehen. Beide haben unsere Weltsicht und die politische und wirtschaftliche Machtverteilung grundlegend verändert.<br />
<span id="more-203"></span><br />
Beispielhaft für diese Interdependenzen sind die Fugger, die im 16. Jhdt. mit dem Montanhandel reich geworden waren und auch in Schiffe und Medien investiert hatten. Jacob Fugger hatte das beste Nachrichtenwesen der damaligen Zeit. Er war besser vernetzt als die Medicis in Florenz. Über alles wurde nach Augsburg berichtet: über Gerichtsprozesse, Unwetter, neue Passstraßen, Eintreffen der Schiffe, über Freibeuter und Piraten und über alle Neuigkeiten im Zusammenhang mit den handelnden Personen. Eine Frage wie die, ob die englische Königin bereits vor ihrer Hochzeit das Beilager gehalten hätte, würde man heute als „educated gossip“ bezeichnen, der auch damals schon eine wichtige Funktion hatte und ohne den viele Geschäfte in dieser Welt nicht denkbar sind. Es war die Zeit der Glücksnaturen, die mit der neuen Welt zu Ruhm und Reichtum gelangten und die von   Hofmannsthal als „leichten Hauptes und leichter Hände“ beschrieben wurden.<span style="font-style: italic;">1 </span></p>
<p>Bald kam zu dem Schiffs- und Medienwissen das Versicherungswesen hinzu, das die Risiken kalkulierbar machte und damit die erste „pragmatisch implantierte Immuntechnologie der Moderne“ war.<span style="font-style: italic;">2 </span>Doch auch diese Innovation konnte letztlich  den immensen Reichtum der Familie Fugger nicht retten. Vielleicht war der Anlass, der zur Insolvenz führte, weniger der schier unersättliche Geldbedarf der Habsburger, welche ihre Schulden nie zurückbezahlten, sondern die neuzeitliche Erfahrung, dass der wirkliche Boden der Schiffsboden wäre und dass im veränderten Denken vom Terranen zum Maritimen ein anderer Geist gebraucht wurde. Denn fast gleichzeitig mit Jakob Fuggers Innovation bringt im Jahr 1492 „Martin Behaim, von einem Volontariat in Lissabon zurückkehrend, den ersten Erdglobus nach Nürnberg, um seinen Landsleuten klar zu machen, welches in Zukunft die Bretter sind, die die Welt bedeuten – die Planken der hochseetauglichen Schiffe. Die Seefahrt ist jetzt das Schicksal, nur der hochseetaugliche Geist kann mit den Forderungen der neuen Zeit Schritt halten. Nun heißt es, auf die Schiffe, ihr Philosophen, und auf die Meere, ihr Gläubigen!“<span style="font-style: italic;">3</span> Noch heute bietet das wieder erstarkte Bankhaus Fugger in seinem Portfolio Schiffs- und Medienbeteiligungen an und man verweist gerne darauf, dass es sich hier um risikoreiche Geschäfte handelt.</p>
<p>Was also sind die neuen Globalisierungsagenten in diesem veränderten Weltinnen-raum der Sphären, Blasen und Schäume? Sloterdijk selbst zieht die begriffliche Tangente: „Der Ozean ist das erste Internet, der Schiffsbau ist seine Zeit in Gedanken gefasst.“<span style="font-style: italic;">4</span> Die Sphäre des Internet verändert und entwickelt die Medien in fundamentaler Weise, eine digitale Revolution, die nur vergleichbar ist mit der Erfindung des Buchdrucks durch Gutenberg. Was früher die Alchemie war, mit der man die Funde aus dem Boden, das Kupfer, das Blei, das Silber, nicht nur bestimmen sondern auch weiter verarbeiten konnte,  das sind heute die Algorithmen. Der wohl erfolgreichste wurde an der Wende des Jahrtausends publiziert: der PageRank.<span style="font-style: italic;">5</span> Er legte die Grundlage für die Suchmaschine Google, deren Gründer Sergey Brin und Larry Page damit zu einem Vermögen kamen, dessen Marktkapitalisierung zur Zeit bei 150 Milliarden Dollar liegt und in der unvorstellbar kurzen Zeit von zehn Jahren entstand. Es übertrifft damit bei weitem die Dimensionen des Fugger-Vermögens. Zum Vergleich: Die beiden weltgrößten Medienkonzerne bieten zusammen genommen keine höhere   Marktkapitalisierung auf.</p>
<p>Wenn man den Vergleich zwischen Jakob Fugger und Sergey Brin etwas  weiterspinnt, dann ergibt es sich fast von selbst, dass der Microsoft-Gründer Bill Gates in die Nähe des Hauses Medici rückt, &#8211; und das nicht nur, weil er den Codex Leicester aus Leonardo da Vincis Studien erworben und ausgestellt hat, &#8211; und dass die globalen Häuser des Internethandels wie Ebay und Amazon mit Stadtstaaten wie Siena oder Pisa vergleichbar sind, die große Handelszentren ihrer Zeit waren.</p>
<p>Mit den beweglichen Lettern der Gutenberg-Revolution wurde es möglich, Texte viel schneller und preiswerter zu verbreiten. Mit der weiteren Medienentwicklung,  angefangen von der Erfindung der Fotografie durch Nièpce, den Film der Gebrüder Lumière über die Fernsehröhre von Brauns, werden auch die Bilder beweglich.<span style="font-style: italic;">6</span> Durch diesen Iconic Turn wird die Welt zum Bild – ganz im Sinne von Heidegger, der den Beginn der Neuzeit in der Eroberung der Welt als Bild sah.<span style="font-style: italic;">7</span></p>
<p>Dieser Iconic Turn dreht sich durch das Internet dauernd noch weiter. Denn Bild- und Videoportale ermöglichen es, dass heute jeder von jedem Ort aus Bilder und Videos ins Netz stellen kann und diese durch Schlagworte (tags) verortet werden. 400 Millionen Bilder zählt die Plattform Flickr.com und 100 Millionen Videos das Portal YouTube. Die Gründer Caterina Fake und Chad Hurley gleichen den einstigen Entdeckern neuer Territorien, den Magellans und da Gamas. Zu ihnen gehört auch Andreas von Bechtolsheim, einer der Mitbegründer von Sun Microsystems und einer der ersten Investoren bei Google, der gegenwärtig an einem Apparat arbeitet, mit dem sich 30.000 Videos in DVD-Qualität speichern lassen.<span style="font-style: italic;">8</span> Statt Spielfilmen kann der Apparat auch das Fernsehprogramm von mehreren Jahren speichern und für einen raschen Zugriff bereitstellen. Nichts muss mehr aufgezeichnet und katalogisiert werden. In Entwicklungen wie diesen zeichnet sich das Fernsehen von morgen ab: jeder Zuschauer kann sich sein Programm ganz individuell  zusammenstellen. Natürlich würde dieses Konzept den Markt für Fernsehwerbung grundlegend verändern &#8211; ein großes Spielfeld für schumpetersche Unternehmer. Ein solcher ist Niklas Zennström, der mit seiner Plattform namens Joost auf der diesjährigen DLD-Konferenz einen Einblick gab, wie Internetfernsehen aussehen kann. Der Schwede Zennström hatte bereits mit seinen Internetschöpfungen Skype und Kazaa ein ähnlich neues Modell für die Telefon- und Musikindustrie eingeführt, dessen Erfolg auf der  Vernetzung von Nutzern und ihren Computern beruht.</p>
<p>An dieser Stelle weist der Weg zu Walter Benjamins Einsicht: Wann immer sich die Medien ändern, ändert sich die Gesellschaft. Die soziologische Organisationsform zu Beginn des neuen Jahrhunderts sind die Communities. Die neuen Gemeinschaften definieren sich nicht mehr territorial, sondern über das Internet und gemeinsame Interessen. In der Diskussion zu Anfang der 60er Jahre – etwa in Marburg – ging es  darum, den Begriff der Gemeinschaft, wie ihn Tönnies verwandt hatte, durch den Begriff von Gesellschaft zu ersetzen. Man sah die Gemeinschaft als soziologische Form durch die Volksgemeinschaft Hitlers diskreditiert. Wie falsch war das! Auf den digitalen Plattformen entstehen heute mediale Communities, Gemeinschaften, die sich durch die Art, wie sie die Medien nutzen, bilden. Ihre virtuellen Versammlungssphären nennen sich ICQ oder MySpace. Für Medienkonzerne wie AOL oder News Corp. spielen sie eine wichtige Rolle in ihrer Zukunftsplanung. Das Prinzip ist immer ähnlich: Teilnehmer stellen ihre Daten, ihre Vorlieben für Musik, Sport oder Mode aufs Netz und bilden damit ihre digitale Identität. Über 100 Millionen Menschen vernetzen und präsentieren sich so über MySpace.</p>
<p>Geht damit das Zeitalter der Massenmedien zu Ende? Diesem Gedanken hat Sloterdijk in seinem Buch „Die Verachtung der Massen“ eine spannende Interpretation gegeben: „Weil heute die Masse über das Stadium ihrer Versammlungsfähigkeit hinaus ist, hat das Programm-Prinzip das Führer-Prinzip ersetzen müssen. Folglich genügt es, den Unterschied zwischen einem Führer und einem Programm zu erklären, um offen zu legen, was die klassisch-moderne versammelte schwarze Masse von der post-modernen mediatisierten, aufgesplitterten bunten Masse unterscheidet. Es geht hier um den Unterschied zwischen Entladung und Unterhaltung. Dieser ist es, der auch die Differenz zwischen dem faschistoiden und dem massendemokratischen Modus der Affekt-Regie von kommunikationsintensiven Großgesellschaften mitbestimmt.“<span style="font-style: italic;">9</span></p>
<p>Das Zeitalter der Massenmedien ist intensiv mit der Knappheit der Sendefrequenzen verbunden. In Deutschland waren es mit dem Beginn des privaten Fernsehens, der mit dem Regierungsantritt von Helmut Kohl 1982 verbunden ist, die Landesmedienanstalten, die in einem sehr komplizierten Prozess mit der RTL-Gruppe, die an Bertelsmann ging, und der Pro 7 SAT 1-Gruppe, die an Kirch ging, den Markt der Massenmedien regelten. Die Knappheit der Fernsehfrequenzen ergab sich durch die Ausschließlichkeit ihrer terrestrischen Distribution. Sie definierte das Modell ein Sender &#8211; viele Empfänger. Das Internetfernsehen ermöglicht dagegen jedem, seine Videos auf bekannte Videoplattformen wie Sevenload zu stellen. Die Schnittfläche für das bewegte Bild ist damit nicht mehr alleine der TV- sondern auch der PC-Bildschirm, und bald kommt auch noch  das Handy hinzu – mit allen Vorteilen der Interaktivität.</p>
<p>Diese Innovationen laufen rasend schnell ab und erinnern eben an jene Zeit der Ent-deckungen „[…] in welche[r] zahllose Namen von Seehelden und Findern fremder Weltteile eingetragen sind, von der Magellanstraße im patagonischen Süden bis zur Hudson Bay im Norden Kanadas, von Tasmanien in der Südsee bis zum sibirischen Kap Tscheljuskin, von den Stanley-Fällen des Kongo bis zur Ross-Barriere in der Antarktis. Parallel zu der Künstlergeschichte, die in derselben Zeit Konturen annahm, hat sich die Entdeckergeschichte auf den Karten eine eigene Ruhmeshalle geschaffen. Ein Großteil der späteren Aktionen waren bereits Kandidatenturniere um den Verklärungsstatus in der kartierten Geschichte. Lange bevor die Kunst und die Kunstgeschichte das Konzept der Avantgarde für sich fruchtbar machten, waren die Vorhuten der Erd-Erfassung an allen Fronten künftigen Karten-Ruhms unterwegs.<br />
Oft brachen sie aus den europäischen Häfen auf als diejenigen, die im Fall des Erfolges als erste an diesem oder jenem Punkt gewesen sein würden.“<span style="font-style: italic;">10</span></p>
<p>Es scheint, als wäre mit den Aporien der Avantgarde in der modernen Kunst eine neue digitale Elite auf den Plan gerufen worden, die alle Kennzeichen dieser neuen Avantgarde hat. Sie definiert sich aus der Weltsicht des Silicon Valley. Und ihre Protagonisten heißen Gates, Brin und Zennström. Also noch einmal: Endet damit das Zeitalter der Massenmedien? Vieles deutet darauf hin. Ein erstaunlicher Prozess ist in Bewegung gekommen. Um die zukünftigen Muster zu erkennen, braucht man ein so gutes Informationssystem, wie es die Fugger einmal hatten. Man braucht einen guten historischen Überblick der früheren Mediengeschichte und eine gute Vernetzung zu der neuen digitalen Avantgarde. Deren Wissen zu kennen ist ratsam. Aber vor allem sollte man die Freundschaft und Nähe zu Denkern wie Peter Sloterdijk genießen, die diesem Wandel den philosophischen Rahmen geben.</p>
<p>___________</p>
<p><span style="font-style: italic;">1  Hugo von Hofmannsthal in seinem Gedicht von 1907 „Manche freilich……“</span><br />
<span style="font-style: italic;">2 Peter Sloterdijk, Peter Sloterdijk, Im Weltinnenraum des Kapitals. Für eine philosophische Theorie der Globalisierung,  Frankfurt am Main 2005, S. 138.</span><br />
<span style="font-style: italic;">3 Peter Sloterdijk, Die permanente Renaissance. Festrede zur Verleihung der Jakob Fugger- Medaille an Hubert Burda, München 2007, S. 14.</span><br />
<span style="font-style: italic;">4  Peter Sloterdijk, a.a. O., S. 14.</span><br />
<span style="font-style: italic;">5 Der </span><a style="font-style: italic;" href="http://de.wikipedia.org/wiki/Page_Rank" target="_blank">PageRank-Algorithmus</a><span style="font-style: italic;"> ist ein Verfahren, eine Menge verlinkter Dokumente, wie beispielsweise das Internet, anhand ihrer Struktur zu bewerten bzw. zu gewichten. Dabei wird jedem Element ein Gewicht, der PageRank, aufgrund der Verlinkungsstruktur zugeordnet. Das Grundprinzip lautet: Je mehr Links auf eine Seite verweisen, umso höher ist das Gewicht dieser Seite und desto größer ist der Effekt. </span><br />
<span style="font-style: italic;">6  vgl. Friedrich Kittler, Optische Medien, Berlin, 1999</span><br />
<span style="font-style: italic;">7  Peter Sloterdijk, Im Weltinnenraum des Kapitals. Für eine philosophische Theorie der Globalisierung, Frankfurt am Main 2005, S. 153.</span><br />
<span style="font-style: italic;">8  Vgl. Wirtschaftswoche Nr. 18, Filme im Nachtschrank, 30.04.2007, S.108.</span><br />
<span style="font-style: italic;">9 Peter Sloterdijk, Die Verachtung der Massen. Versuch über Kulturkämpfe in der modernen Gesellschaft, Frankfurt am Main 2000, S. 20.</span><br />
<span style="font-style: italic;">10  Peter Sloterdijk, Im Weltinnenraum des Kapitals. Für eine philosophische Theorie der Globalisierung,  Frankfurt am Main 2005, S. 172.</span></p>
<p>Die Abbildung zeigt eine Visualisierung des Globus von Martin Behaim (1457-1509), gefunden auf der Wbsite des Projekts  <a href="http://www.ipf.tuwien.ac.at/publications/ld_ch96/" target="_blank">Der digitale Behaim-Globus </a></p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.iconicturn.de/2007/07/mediale-tangenten/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
	</channel>
</rss>

