Artikel-Schlagworte: „Bildwissenschaft“

Neue Bücher International

,

newbooks_bogostIan Bogost schreibt den Blog Watercoolergames und lehrt am Georgia Institute of Technology. In seiner Studie Unit Operations. An Approach to Videogame Criticism schlägt er einen weiten Bogen von der Literaturwissenschaft über Medientheorien zu einzelnen Spielen und der Praxis ihres Entwurfs. Gerade im Bereich der Computerspiele sieht er das Potenzial einer fruchtbaren Zusammenarbeit zwischen den Geisteswissenschaften und Informationstechnologien. Diesen Beitrag weiterlesen »

Lügen Bilder?

,

Luegen_Bilder“Gut gefälscht ist gut verkauft” betitelt Jürgen Reiche einen Vortrag über die Macht der Bilder, gehalten am 29.10. im Rahmen des Berlin Photography Festivals
Bilder, die lügen” heißt eine von Reiche kuratierte Wanderausstellung, zur Zeit in Nürnberg zu sehen. Beide Titel lassen das Plädoyer eines bekennenden Ikonklasten erwarten. Doch er kennt ein Gegengift: die Erziehung zur Kritik der Bilder. Eine alles in allem etwas vereinfachende Geschichte vom guten willen und den bösen Bildern.

Reiche geht von einem grundlegenden Dilemma der Bilder aus. Weil fremde und entfernte Wirklichkeiten nicht unmittelbar erfahren werden können, treten Bilder an ihre Stelle. Die Bilder aber können nur einen Ausschnitt dieser Wirklichkeit wiedergeben. Damit werden sie, ob sie wollen oder nicht, zu Akteuren der Lüge. In seiner Dämonisierung der Bilder übersieht Reiche, dass nicht-visuelle Kommunikationsformen von derselben Kritik nicht weniger betroffen sind. Diesen Beitrag weiterlesen »

Ordnungen der Bilder

Ein Interview mit Martin Schulz über sein neues Buch und den aktuellen Stand der Bildwissenschaft.

Ordnungen_der_BilderVor kurzem ist Ihr Buch „Ordnungen der Bilder. Eine Einführung in die Bildwissenschaft“ erschienen. Wo steht die Bildwissenschaft heute?

In den vergangenen Jahren ist zum Thema „Bildwissenschaft“ viel diskutiert und publiziert worden, so dass sich die Problematik in vielerlei Hinsicht differenziert hat.

Jedenfalls mehr als etwa vor fünf Jahren, als jeder nur ungefähr wusste, dass mit dem „pictorial“ oder dem „iconic turn“ etwas Wichtiges und für unsere Kultur und ihre Analyse etwas Entscheidendes gemeint sein muss. Indessen wird – mit wenigen Ausnahmen – heute kaum jemand in der Lage sein zu erklären, was denn die Bildwissenschaft genau ist und welchen Gegenstandsbereich sie umfassen soll. Darüber gibt es heftige Diskussionen und kontroverse Rangeleien. Ebenso darüber, welches Fach die größte „Bildkompetenz“ besitzt oder gar die rahmengebende Leitwissenschaft ist. Die Situation ist vergleichbar mit den Querelen über das „Visuelle“ und die „Visualität“ in den visual culture studies. So unabdingbar präzise wissenschaftliche Diskussionen in dieser Sache sind, so unfruchtbar scheinen mir die Streitereien zugleich, in denen es nicht zuletzt um wissenschaftspolitische Pfründe geht. Diesen Beitrag weiterlesen »

Bildwissenschaft – Disziplinen, Themen, Methoden

bildwissenschaftDer von Klaus Sachs-Hombach herausgegebene Sammelband hält, was der Titel verspricht. Er stellt die an der Bildwissenschaft beteiligten Disziplinen vor, erörtert einige der wesentlichen Themen und zeigt eine Reihe teils sehr verschiedener methodischer Ansätze.

Der Band will kein Gründungsakt einer akademisch selbständigen Bildwissenschaft sein, sondern lediglich einen “Theorierahmen für ein integratives Forschungsprogramm” anbieten.

Tatsächlich erweisen sich die Ausgangspunkte und Arbeitsweisen der verschiedenen Forscher als viel zu disparat, um sie in eine einzige Wissenschaft zu überführen. Dennoch verfolgt der Herausgeber die Idee, die verschiedenen Vorgehensweisen zu bündeln, was die Frage der Methode und der Grundbegriffe angeht. Diesen Beitrag weiterlesen »

Das Technische Bild

,

Ein Interview mit Matthias Bruhn, Angela Fischel und Margarete Pratschke

technisches_bildSH: Das Technische Bild – was ist damit gemeint? Was erforscht das Projekt?

MB: Der Titel der Arbeitsgruppe definiert das Ziel. Wir arbeiten über die Geschichte, Ästhetik und formale Struktur der technischen Bilder. Es geht darum, entsprechende Zeugnisse und Objekte zu sammeln, zu sichten, zu benennen, zu identifizieren und zu klassifizieren. Und darum, eine Forschungsdatenbank zu bauen, mit ihrer Hilfe die treffenden Begriffe zu finden und zur Diskussion zu stellen.

Im Rahmen des Projektes werden einzelne Forschungen vorangetrieben, etwa zur Nanotechnologie, zu Röntgenbildern oder Illustrationspraktiken im 17. Jahrhundert. Vieles davon ist Teil eines von der DFG finanzierten Langzeitvorhabens zu Visualisierungsstrategien in den Naturwissenschaften.
Wir stellen uns nicht die Aufgabe, sämtliche “technischen Bilder” abzudecken, sondern gehen fragenspezifisch vor, orientiert an einzelnen Projekten. Die Datenbank soll bestimmte Probleme repräsentieren, ohne sie unbedingt vollständig zu sammeln. Also etwa das Problem dynamischer Bilder, das zusehends in Bildgebungsprozessen aufkommt. Es werden dabei riesige Bilddatenmengen zusammengetragen, in denen nicht das einzelne Bild zählt, sondern nur Verläufe. Sie werden protokolliert und können verschwinden, wenn die Prozesse erfasst sind. Oder auch die Milliarden von Bildern, die von irgendeiner Marssonde gefunden werden: es ist nicht unsere Aufgabe, sie zu archivieren. Diesen Beitrag weiterlesen »

Thesen zu einer Systemischen Bildwissenschaft

– von Huber, Hans-Dieter

betrachter_imbildWie kann eine Bildwissenschaft aussehen, die den neuen visuellen Praktiken zeitgenössischer Bildproduktion gerecht wird? Seit DJs mit VJs zusammenarbeiten, hat sich auch für Bildforscher ein neues Feld aufgetan. Der Kunstwissenschaftler Hans Dieter Huber plädiert für eine systemische Bildwissenschaft.

Systemische Bildwissenschaft geht davon aus, dass eine Beobachtung von Bildern ohne Beobachter nicht möglich ist. Beide sind bei ihrer Begegnung in ein gemeinsames soziales Milieu einbettet. Diese Bestimmung ist insofern von Bedeutung, als hier erstens das Verhältnis zwischen Bildern und ihren ästhetischen, sozialen, institutionellen, ökonomischen, politischen oder kulturellen Milieus beschrieben werden kann sowie zweitens das Verhältnis zwischen Beobachtern, ihren sozialen Milieus und den darin bevorzugten Lebensstilen und Existenzformen genauer untersucht werden kann. Es gibt keine Möglichkeit, dass sich Bild und Beobachter bei ihrer Begegnung in zwei verschiedenen Milieus befinden. Diese Tatsache ist von Bedeutung, da das Milieu voreinstellende und verhaltenskalibrierende Wirkungen auf den Beobachter hat. Es stellt ihn darauf ein, welche Arten von Bildern er in diesem Milieu höchstwahrscheinlich zu erwarten hat, wie er sich diesen Bildern gegenüber angemessen zu verhalten hat, wie er ihre ästhetische, gesellschaftliche oder historische Funktion verstehen soll, was als eine angemessene und adäquate Form des Handelns und Reagierens gegenüber diesen Bildern gilt. Diesen Beitrag weiterlesen »

Bildwissenschaft? Eine Zwischenbilanz

– von Burk, Jens Ludwig

von Jens-Ludwig Burk

biwi_zwischenbilanzHans Belting, Direktor des IFK in Wien, eröffnete die Tagung „Bildwissenschaft? Eine Zwischenbilanz“ mit dem Apell, über das „Bild“ als modischem Diskursfetisch nicht die „Bilder“ aus dem Blick zu verlieren. Ein Summary ausgewählter Beiträge.

Entsprechend eines Verständnisses von Bildpraktiken als Kulturpraktiken (bzw. –techniken) stand die Tagung unter der Prämisse, das Thema der Bilder in die Kulturwissenschaften einzuführen. Sekundiert wurde diese Forderung von dem in Wien nicht anwesenden Horst Bredekamp, der in seinem ZEIT-Interview vom 6. April 2005 die zentrale Forderung nach Bildforschung für das Unternehmen Bildwissenschaft hervorgehoben und dabei auf die unverzichtbare Rolle von Kunstgeschichte und Archäologie hingewiesen hat. Vertreter aus Kunst- und Kulturwissenschaften, Wissenschaftsgeschichte, Literaturwissenschaften und Philosophie – darunter mit Gottfried Boehm (iconic turn) und W. J. T. Mitchell (pictorial turn) zwei Namensgeber der als Paradigmenwechsel verstandenen Wendung zum Bildlichen – folgten Beltings Einladung, sich den Bilden über die Bildpraxis zu nähern.

Bildproduktion als eine Kulturtechnik neben anderen Kulturtechniken behandelte Thomas Machos Vortrag. In ihrer Rekursivität sind Kulturtechniken unterschieden von Tätigkeiten, die sich nicht selbst zum Thema machen können. „Bilden“ hat als Ergebnis immer ein Ding, ein Objekt, ein Artefakt. Kulturtechniken erzeugen also auch immer Medien als Träger von Bildern. Im Sinne Foucaults stehen Kulturtechniken für den Übergang von Selbstreferentialität zur Selbsterzeugung. Thomas Machos Beispiel von Handabdrücken in Kulthöhlen des Paläolithikums führte in der Diskussion zur wichtigen Unterscheidung des Indexikalischen vom Ikonischen.

Eine Tendenz, das Ikonische hinter sich zu lassen machte Christiane Kruse (Vortrag: Nach dem Bild. Der Einstieg in das postikonische Zeitalter) in einzelnen Beiträgen des von Hubert Burda und Christa Maar herausgegebenen Bandes Iconic Turn. Die Neue Macht der Bilder (2004) aus. Natur nicht nur zu verdoppeln, sondern sie zu überbieten bzw. zu übersteigen, lässt sich als post-ikonische Herangehensweise verstehen. Horst Wenzel hob in der Diskussion die mit dem Bild verbundene Imaginationsleistung hervor, die das materielle Bild transzendiert. In der Verbindung von Imagination und Technikgeschichte sieht Christiane Kruse einen endgültigen Ausweg vor der Enttäuschung durch die Bilder, da ein „lebendiges“ Bild machbar ist, was aber konsequenterweise gar kein Bild mehr sein kann.

W. J. T. Mitchell aus Chicago (Vortrag: What Do Pictures Want? The Lives and Loves of Images) stellte als keynote-speaker am ersten Abend sein demnächst erscheinendes Buch What Do Pictures Want? The Lives and Loves of Images vor. Entgegen dem traditionellen Focus auf Bedeutung und Wirkungsmacht der Bilder führte er den Begriff des Eigenlebens der Bilder ein, wenn man „life of pictures“ so verstehen darf. Nicht was Bilder bedeuten, nicht was sie tun, sondern was sie wollen, fragte Mitchell. Mit dieser Umwidmung rief er zu einem Wechsel von der semiotischen und hermeneutischen Perspektive zu einer poetologischen Perspektive auf. Der Gedanke eines Eigenlebens der Bilder ist aber so alt wie die Bilder selbst. Ein doppelbödiges Bewusstsein von den Bildern durchzieht so auch noch den heutigen Bild-Diskurs. Selbst neueste Bildtechniken können einem animistischen Glauben an das Bild (wie er beispielsweise im respektvollen Verständnis der Eltern beim Spiel ihrer Kinder mit Puppen zum Ausdruck kommt) nichts anhaben. Bildern ein Eigenleben zuzusprechen meint, ihnen mehr als die Intentionen ihres Autors zuzubilligen.

Nach Horst Wenzel (Vortrag: Zur Narrativik der Bilder und zur Bildhaftigkeit der Literatur. Plädoyer für eine Text-Bildwissenschaft) entspringt die Polarisierung von Text und Bild einem genuin neuzeitlichen Verständnis, bestand aber so nicht in Mittelalter und Früher Neuzeit. Ältere Kombinationsmöglichkeiten von Text und Bild sowie auf einer Metaebene die kombinatorische Vielfalt der Verbindung Text/Bild in sprachlichen Imaginationsstrategien und bei der Verbildlichung geistiger Entwürfe hat ihre heutige Entsprechung in der Durchlässigkeit traditioneller Fachgrenzen von Literaturwissenschaften und Kunstwissenschaft. Gottfried Boehm machte auf die Schlussfolgerungen für eine Bildreflexion aufmerksam. Die Sprachentleerung des Bildlichen ist demnach ein „Fortschritt“ der Moderne. Einen weiteren Diskussionspunkt bot die Rede von den „inneren Bildern“. Das „Innere Bild“, im Vortrag Wenzels zwischen „Vorstellung“ und „Bild“ changierend, bleibt nach wie vor ein „schwarzes Loch“, so Gottfried Boehm. Hans Dieter Huber stellte in der weiteren Diskussion in Frage, ob für „innere Bilder“ der Begriff „Bild“ überhaupt gerechtfertigt sei. Für die Schnittstelle von Innen und Außen müsste vielleicht eine ganz andere Begrifflichkeit gewählt werden. Als problematische Metapher bleibt das „innere Bild“ wichtiges Thema für eine zu konstituierende Bildwissenschaft.

Klaus Krüger (Vortrag: Das Bild als Palimpsest) stellte den in kultur- und literaturhistorischen Diskursen bereits fruchtbar gemachten Begriff des „Palimpsests“ in den Mittelpunkt seines Vortrags. Als operatives Modell vorgestellt, kann er zur Beschreibung und Analyse interpikturaler und intermedialer Bildverfahren eingesetzt werden. Aus der Paläographie kommend und die Neubenutzung eines Schriftträgers bezeichnend, dessen alte Beschriftung entfernt und dann überschrieben wird, kommt das Palimpsest-Modell der charakteristischen Schichtung und Veflechtung heterogener Bestandteile von Bildlichkeit nahe. In einer solchen mehrfachen Schichtung kommt es aber nicht zur Verdrängung oder zu einer bloßen Abfolge, sondern zu einer Koexistenz. Als ein „Artikulationsmittel des Unbegreifens und Vorbegreifens“ (Hans Blumenberg) ist das seinerseits bereits metaphorisch aufgeladene Palimpsestmodell nicht in die eigentliche Rede von Begrifflichkeiten übersetzbar. Klaus Krüger machte auch auf die Anschlussfähigkeit an andere Begriffe wie den des Fragments aufmerksam. Betonung fand schließlich das Anliegen, keinen neuen Begriff postulieren zu wollen, sondern in Entsprechung zur besonderen Struktur von Bildlichkeit ein begriffliches Denkmodell einzuführen, welches fruchtbar für eine Bildwissenschaft gemacht werden kann. Als Ausgangspunkt für eine begriffliche Fundierung von Bildwissenschaft kann die Diskussion um das Palimpsest-Modell als Hinweis auf die Problematik angesehen werden, der sich jede Bildwissenschaft im Rekurs auf eine teils medienfremde Begrifflichkeit, etwa aus dem bereich der rhetorischen Begrifflichkeit, ausgesetzt sieht. Beat Wyss schließlich plädierte für einen methodischen Gebrauch des Begriffs, nicht als Angelegenheit des Objekts, sondern als Haltung des Betrachters.

Martin Schulz (Vortag: dlose Entlarvung der Bilder) konnte in der Analyse der Eingangssequenz von Michael Moores Film „Fahrenheit 9/11“ auf die Problematik von ursprünglicher Präsenz und ihrer Repräsenz im Bild aufmerksam machen. In den entlarvenden Fernsehbildern des amerikanischen Präsidenten vor der Ansprache zu Beginn des letzten Golf-Krieges entlarven sich die Bilder selbst als Bilder, geben sich als Repräsentationen von Repräsentationen zu erkennen. Zentral für eine Bildwissenschaft, kann anhand des Beispiels die Frage nach dem Beginn und dem Ende der Bilder gestellt werden. Bilder sind vielfach bereits Bilder, ehe sie zu Bildern werden.

Beat Wyss´ (Vortrag: Die Nachträglichkeit der Bilder) Vorschlag einer Fruchtbarmachung der Traumtheorie Sigmund Freuds für die Bildwissenschaft breitete einen diskursanalytischen Vergleich mit Aby Warburgs „Pathosformeln“ und dem Renaissance-Begriff Erwin Panofskys aus. Erinnerungsspuren, die aufgrund späterer Erfahrungen in steter Neu-Ordnung sich befinden und in Übereinanderschichtung zu denken sind, lassen sich mit der Wiederaufnahme historischer Bildformeln vergleichen, die vergleichbar der traumatischen Erinnerung des „Wolfsmanns“ ist, in der die Spur einer anthropologisch kodierten Erfahrung als alte Leerformel nachträglich mit neuer Bedeutung aufgeladen wird.

Die Anwendungsmöglichkeiten einer systemischen Bildwissenschaft stellte Hans Dieter Huber (Vortrag: Visuelle Musik in der Erlebnisgesellschaft) anhand des Phänomens der „Visual Music“ vor. Innerhalb der Klub-Kultur der 90er Jahre entwickelte sich parallel zum Discjockey der Videojockey und die Videojane, die Techno, House und Electronic Music rhythmisch visualisieren. In der Unterscheidung von Bild, BeobachterIn und Milieu ergeben sich unterschiedlichen Herangehensweisen in den Bereichen von Bildinterpretation, der Wahrnehmung und Rezeption und im Bereich der sozialen Erlebnisräume, in denen Bilder auf je unterschiedliche, aber sinnstiftende Weise aufeinander treffen.

Gottfried Boehm (Vortrag: Das Paradigma „Bild“. Zur Tragweite der ikonischen Episteme) schlug in seinem Vortrag einen die verschiedenen Beiträge der Tagung zusammenfassenden Bogen. Den künstlichen Begriff der Episteme seines Titels wählte er, um so den „inhaltsleeren“ Begriff von Bildwissenschaft zu präzisieren. Handelt es sich bei „Bildwissenschaft“ doch nach wie vor um eine offene Baustelle und der Anspruch, der im Namen steckt, hüllt den Gegenstand noch immer ein. Boehms Vorschlag ist es wie, den Begriff der Bildwissenschaft mit dem der Bildkritik zu füllen. Als Anfangsfragen einer ikonischen Episteme stehen ihm zufolge: was ist ein Bild und wann ist ein Bild? Anstelle allgemein semiotischer Ansätze für eine Bildwissenschaft, vor denen Boehm warnte, schlug er vor, eine Lexikonsammlung charakteristischer Figuren bildlicher Repräsentation zu sammeln, eine Metaphorologie, für die Klaus Krüger mit seinem Vortrag zum Modell des Palimpsestes, ein Beispiel gegeben hat. Im Überblick bewertete Boehm eine solche Sammlung mit vergleichbaren Begriffen wie Maske, Spur, Geste, Blick, Schleier, Spiegel, etc. als wichtigen Ansatz für eine Bildwissenschaft.

Der Figur des „turns“ in der Rede vom pictorial turn und des iconic turn als Ansatz eines neuen Wissenschaftsmodells ging Boehm in folgenden nach. Die Namensgebung des linguistic turn durch Richard Rorty beschrieb ein Modell, in dem Erkenntnis nur auf der Grundlage lingualer Sprache möglich erschien. Eine ikonische Wissenschaft ist darin aber unmöglich. Eine Begründungsschwäche dieses Erkenntnismodells besteht darin, dass man aber Sprache nicht auf Sprache zurückführen kann. Dagegen erscheinen basale Zusammenhänge als Grundlage von Sprachlichkeit, unter denen dem „Zeigen“ (Verweis auf die Bedeutung von „dicere“ als „zeigen“ und „sagen“, so Prof. Wenzel) besondere Bedeutung zukommt. Wenn aber Sprache auf nicht-lingualem Sinn beruht, dann mündet der lingustic turn“ notwendigerweise in einen iconic turn. Die Frage „Was ist ein Bild?“ stellt sich dann aber in einem ganz bedeutendem Sinne als eine wichtige Frage heraus. Erkenntnis ohne Bezug oder Einschluss des Ikonischen bleibt defizitär.

Die Tatsache nun, daß Bilder impliziertes Wissen beinhalten, ist keine Neuigkeit. Diesen Zusammenhang jedoch als eine Wissensform zu begründen, ist das neue Thema, des pictorial turns/iconic turns. Dabei greift Boehm zufolge die Anerkennung eines solchen Wissensmodells eine der ältesten Grundsätze der abendländischen Wissenschaften an. Dem „Sagen“ wird ein „Zeigen“ entgegengesetzt, an die Seite gestellt. Grundlage beider bleibt jedoch die Darstellungsabhängigkeit allen Erkennens. Für eine Bildwissenschaft geht es somit um eine Kritik der impliziten Erkenntnisformen. In diesem Sinne ist Bildwissenschaft Bildkritik. Sie handelt von der Logik des „Zeigens“, die sich als eine fruchtbare Arbeitsbasis für Bildwissenschaft empfiehlt. Die Eigenart des Bildlichen ist nicht – wie so oft behandelt – ontologisch, sondern auf Differentsetzung beruhend, die sich in Differenz zu Wort und Klang setzt. Die Logik des Zeigens, so Boehm, spezifiziert sich in jedem Bild. Sie arbeitet mit Unbestimmtheit und Intensität, was als ikonische Differenz beschrieben werden kann. Signum von Bildern ist jedoch auch die Bindung von Sinn an eine Materialität, was wiederum die Singularität/Konkretion des Bildes betrifft. Als die Extraleistung des Bildes bestimmte Boehm das Imaginäre, das „surplus“ des Bildes.

jlb

(Tagung des Internationalen Forschungszentrums für Kulturwissenschaften Wien vom 21. bis 23. April 2005)

Programm
Abstracts
Zitate

Bildwissenschaft heute

, , – von Bredekamp, Horst

tv_buddhaAuszüge aus eine Text von Horst Bredekamp

Es bleibt jenseits der Warburg-Mode ein Kern, der bis heute einen Anspruch zu formulieren vermag, wie man mit Bildern umgehen kann. Warburg zeichnet sich dadurch aus, dass er das gesamte Feld der Bilder von der Briefmarke bis zur Primavera Botticellis in den Gegenstands-bereich einer Kunstgeschichte stellt, die sich als Bildwissenschaft definiert. Diesen Beitrag weiterlesen »

Ein Bild ist ein Bild ist ein… Zeichen?

,

bildzeichenvon Annegret Gerleit

Wer heute die SZ aufschlägt, trifft auf einen Artikel über das methodische Schlamassel, in dem die Kunstgeschichte seit dem Iconic Turn steckt. Jutta Göricke plädiert angesichts der Lage für eine semiotisch orientierte Bildwissenschaft.

Seit einiger Zeit schon unternehmen immer mehr Kunstwissenschaftler abenteuerliche Ausflüge in Nachbardisziplinen. „Sie haben“, schreibt Göricke, „genug vom Herumhocken im Olymp“ und beschäftigen sich, anstatt mit Rosa Perioden, Schwarzen Quadraten oder anderen sanktionierten Kunstwerken, auch mit Artefakten der Wissenschaft, Technik und Kultur. Angefangen hätten diese „Auflösungserscheinungen“ mit Forschern wie Hans Holländer, Svetlana Alpers oder Horst Bredekamp, Werner Busch und Barbara Stafford. Mit ihren Arbeiten hätten sie das Fach endgültig von Hegels Anbindung der Kunst an die Ästhetik losgelöst. Die Kunst selbst hat diese Loslösung de facto ja schon Anfang des vergangenen Jahrhunderts vollzogen. Während die Grenzerweiterung von manchen beklagt, von einigen begrüßt wird, diskutiert man derzeit darüber, welches Fach wohl die „Deutungshoheit über diese Fluten“ innehaben sollte. Angesichts der fest gefahrenen Situation plädiert Jutta Göricke für eine neue Theorie: „Etwas Neues wird gebraucht, das dem Bild an sich auf den Grund geht“ und dabei Fragen beantwortet wie: „Welche Rolle spielen Bilder bei der Konstituierung der Welt? Sind Bilder näher am Ding als an Sprache? Sind sie der Wirklichkeit ähnlich? Wie wirkungsmächtig sind Bilder? Wie unterscheidet sich Denken in Sprache vom Denken in Bildern?“. Für Göricke sollte es darum gehen, „die Struktur zu erkennen, die jederzeit und überall in allen Bildern wirksam ist, und die allgemeinen Gesetze abzuleiten, auf welche man spezielle Erscheinungen zurückführen kann“. Entwürfe zu einer umfassenden Bildtheorie gibt es bereits, einer davon stammt von Klaus Sachs-Hombach. Die Frage ist nur, inwieweit eine solche Metatheorie, die sich auf alle bildlichen Phänomene anwenden lässt, tatsächlich noch einen Erkenntnisgewinn für das konkrete Einzelobjekt birgt.

Eine Perspektive für die Kunstgeschichte sieht Göricke in der Semiotik. Kunsthistoriker sollten erst die Sprache dekonstruieren. „Dann könnten sie im Zuge der Dekonstruktion selbstbewusst den Anteil aufdecken, den das Bild an der Konstituierung der abendländischen Kultur hat“. Sie wirft Boehm und Bredekamp vor, selbst keinen Bildbegriff „in petto“ zu haben „jenseits der Frage, ob Bilder als Zeichen zu gelten haben oder nicht. War es aber nicht Gottfried Boehm, der als einer der ersten überhaupt mit dem Begriff der „ikonischen Differenz“ den „Mehrwert“ des Bildes gegenüber der Sprache zu fassen suchte und es deutlich von dieser abgrenzte? Und hat nicht Horst Bredekamp dargelegt, dass das wissenschaftliche Bild von Anfang an auch ästhetischen Kriterien unterworfen war?

„Vielleicht“, resümiert Göricke, „stellt sich am Ende heraus, dass Bild und Sprache stärker aufeinander angewiesen sind, als mancher wahrhaben will.“ ger

Der Artikel in der SZ ist pünktlich zum Auftakt des XXVIII. Deutschen Kunsthistorikertags in Bonn erschienen (16.-20.3.). Das Thema lautet dieses Jahr “Zeitgenossenschaft als Herausforderung. Der Status der Kunstgeschichte heute”.

Calculating Images

ucsbBericht von einer Konferenz in Santa Barbara, 04. und 05.03.05

Die Konferenz beginnt mit dem Wortrag von Wolfgang Hagen, per Video aus Berlin zugeschaltet, zum Thema:” There is no such thing as a Digital Image”. Im Gegensatz zur Fotografie sind die digitalen Medien im Kern bildlos. Sie erzeugen keine Abbilder mehr im Sinn eines Fotos, sondern sind Messgeräte. Nach Mitchell treten wir damit in die “post-photographic era” ein. Die klassische Physik genügt nicht mehr, um die Prozesse innerhalb der lichtempfindlichen CCD-Chips zu beschreiben. Man benötigt dazu die Quantenmechanik. Damit ist ein grundlegender Wechsel im Charakter der Bilder und dem, was Speichern und Messen heisst, verbunden. Denn Quantenmechanik operiert mit Wahrscheinlichkeit, ihre Messungen unterliegen der Unschärferelation nach Heisenberg. Die digitalen Bilder muessen daher als “zufällig” betrachtet werden. Sie sind nie fertig, sondern können immer wieder neu bearbeitet werden. Es handelt sich nicht um eine Einschreibung mit Sinn der Fotografie. Diesen Beitrag weiterlesen »