Archiv für die Kategorie „Reviews“

Zwei Bücher zur Moral der Bilder

leifert_bildethikStefan Leifert hat in einem Band zwei Bücher über die Ethik des Visuellen geschrieben. Er versucht, den ganzen Weg von den philosophischen Bildtheorien bis zum alltäglichen Gebrauch der Bilder im Journalismus zurückzulegen. Zwischen Theorie und Praxis kommt es zu einem Bruch, der zugegebenermaßen schwer zu vermeiden ist. Von der Höhe der Bildtheorien  Husserls, Sartres und Heidegger unternimmt Leifert einen waghalsigen Sprung in die Tiefe der publizistischen Selbstkontrolle im Bereich des Printjournalismus durch den Deutschen Presserat.

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Hans Beltings östwestlicher Blickwechsel

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belting_2008Seiner Geschichte vom Betrachter und vom Blick hat der Kunsthistoriker Hans Belting ein aufregendes neues Kapitel hinzugefügt. Die Perspektive – der Durch-Blick – galt bislang als eine genuin westliche Erfindung. Belting fordert uns auf, ihre Wurzeln im Orient zu suchen. Und er zeigt, auf welchem Weg das Wissen der Perspektive in den Westen gelangt ist, warum es sich nur hier erfüllen konnte, und wie es kam, dass im Orient andere Lösungen den Sieg davon trugen.
Erst in unserer Gegenwart dringt das perspektivische Abbild dank technischer Medien auch in den ehemals abbild-feindlichen islamischen Orient vor.

Aber bild-feindlich war der Islam nie. Belting gibt genügend Beispiele für die reiche Bildkultur in Bagdad. Verboten war vielmehr, körperliches Leben mit Stimme und Atem auf leblose Bilder zu übertragen. Der Weg zum Blick, und damit also auch der Weg zur perspektivischen Darstellung waren damit versperrt. Diesen Beitrag weiterlesen »

Ein Experiment über Bilder in der Wissenschaft

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speech_spectrogram„This is an experimental book“ lautet der erste Satz eines Bandes zu visuellen Praktiken an Universitäten. Wie gut, dass ein Verlag willens war, das Experiment zu veröffentlichen, und mehr noch ein Autor, es durchzuführen. Zwei amerikanische Verleger lehnten das Manuskript ab, weil zu „technisch“.
Tatsächlich bezieht sich das Buch vor allem auf den Umgang mit Bildern innerhalb der Wissenschaft, und zwar dezidiert als Reaktion auf eine Tendenz der angelsächsischen Visual Studies, mediale und kulturelle Bilder in den Mittelpunkt zu rücken.
James Elkins hat 30 universitäre Disziplinen befragt, wie sie Bilder herstellen und verarbeiten. Herausgekommen ist ein Band, der im Gegensatz zu dem oft konzeptlosen Potpourri deutscher Sammelbände eine klare Frage stellt und anhand einer Reihe von Beispielen beantwortet. Diesen Beitrag weiterlesen »

Verwandtschaften

verwandtschaften_moquin_affinites.jpgUm Ähnlichkeiten zwischen Elementen zu beschreiben, die sich auf einzelne ihrer Merkmale beziehen, gebrauchte Ludwig Wittgenstein den Ausdruck Familienähnlichkeiten. Wendet man diese Beziehung auf Bilder an, so stellt sich die Frage nach den Verwandtschaften, die unter ihnen vorliegen.

Verwandte Bilder lautet der Titel eines Sammelbandes, der Fragen der Bildwissenschaft unter dem Vorzeichen von Familienähnlichkeiten angeht.
Der Versuch, von dort aus zu einer Definition zu kommen, die  in den Ähnlichkeiten der Bildfamilien eine Einheit entdeckt, führt zuerst einmal nicht weiter als zu rekursiven Formulierungen, wie etwa der Feststellung: „Die verschiedenen Bilder sind verbunden durch die Eigenschaft, Bilder zu sein, aber diese Eigenschaft findet sich nicht als durchgängiges Merkmal in jedem einzelnen Bild …“(9) Diesen Beitrag weiterlesen »

Cultural Turns

uturn_01.jpgEin Interview mit Doris Bachmann- Medick, deren im Sommer 2006 erschienenes Buch Cultural Turns. Neuorientierungen in den Kulturwissenschaften einen bemerkenswerten Überblick über eine Reihe von “Wenden” in den Kulturwissenschaften gibt.
Was bedeutet das Auftauchen der sogenannten “Turns” für die Kulturwissenschaften?

Als Theorie- und Forschungswenden bilden die Turns wichtige Scharniere für Grenzüberschreitungen zwischen fachspezifischen Forschungsprozessen. Sie entsprechen nicht nur den inter- oder transdisziplinären Ansprüchen der Kulturwissenschaften, sie verkörpern sie geradezu. Denn sie vernetzen die Disziplinen nicht etwa im luftleeren Raum, sondern beziehen sie in jeweils konkret benennbaren gesellschaftlichen und wissenschaftspolitischen Situationen auf ähnliche Analysekategorien und gemeinsame Fokussierungen – sei es Bedeutung oder Performanz und Inszenierung, oder auch Raum, Bild, visuelle Wahrnehmung usw. Diesen Beitrag weiterlesen »

Neue Bücher zu Bildern

neue_b_deotteJean Déotte: Die Epoche des perspektivischen Apparats

Mit einer Theorie des Apparats nähert sich der Philosoph Jean-Louis Déotte den Bildern und der Zentralperspektive an. Der Ausdruck „Apparat“ rückt dabei, durchaus in einer französischen Tradition stehend, an die Stelle eines Begriffs wie „Medium“, der durch durch ihren allgegenwärtigen Gebrauch methodisch unscharf geworden sind. Unter einem Apparat versteht Déotte nicht nur eine Gerät, sondern gleichermaßen Institutionen oder Verfahren, was zu der Schärfe des neuen Begriffs nicht eben beiträgt.
Die Zentralperspektive versteht der Philosoph nicht nur als technische Praxis, sondern als einen ontologischen Einschnitt, der die Neuzeit begründet. Sie betrifft nicht nur die Bildkultur, sondern strahlt aus in Philosophie (Cartesisches Cogito) und politisches Handeln, indem sie eine sichtbare an Stelle einer nur lesbaren oder deutbaren Welt setzt.

Benjamin Jörissen : Beobachtungen der Realität

Die Frage „nach der Wirklichkeit im Zeitalter der Neuen Medien“ stellt sich der am Institut für Erziehungswissenschaften lehrende Benjamin Jörissen. Das Verhältnis von Medien und Realität wurde in den letzten Jahren und sogar Jahrzehnten in aller Ausführlichkeit bearbeitet, sodass der Titel des Buches nicht gerade Neuigkeiten verspricht. „Doch was verstehen wir eigentlich unter ‘Wirklichkeit’?“ fragt der Autor und stürzt sich damit in eine abgründige erkenntnistheoretische Debatte. Deren Relevanz erscheint mehr als zweifelhaft, hat sich doch der oftmals konstruierte Gegensatz zwischen einer sogenannten Wirklichkeit auf der einen und dem scheinbar Unwirklichen der Medien in den letzten Jahren nicht gerade als erhellend erwiesen.
Gegen die postmodernen Theorien, die Wirklichkeit als Konstruktion oder Simulation auflösen wollten, zieht sich Jörissen auf eine „historisch-anthropologische sowie bildungs- und erkenntnistheoretische Perspektive“ zurück.

Seine Medienkompetenz setzt der Autor innerhalb der Lehre praktisch um, denn „Forschung (und Lehre) im Bereich der Neuen Medien muss die Dynamik der Neuen Medien beachten.“ In dieser Hinsicht dürfte er dem Großteil der deutschen Medienwissenschaftler voraus sein.Auf seiner Homepage bindet er aktuelle Nachrichten-Feeds ein und verweist auf seine bei Delicious gespeicherten Bookmarks.

Angela Keppler: Mediale Gegenwart. Eine Theorie des Fernsehens

Die Darstellung von Gewalt in Talk-Shows, Nachrichtensendungen und Spielfilmen steht in Zentrum der Theorie des Fernsehens von Angela Keppler. Der Anschlag auf das World Trade Center dient ihr als Beispiel, um zu zeigen, wie im Fernsehen die Ikonographie einer Katastrophe entsteht. Das Medium erzeugt durch die ästhetische Dimension seiner Darstellung eine soziale Realität. Dabei spielt die die Unterscheidung zwischen fiktiven  und realen Programmteilen eine besondere Rolle, da sie die  kollektive Konstruktion der Wirklichkeit in unserer Gesellschaft prägt.
Angela Keppler lehrt in Mannheim am Seminar für Medien und Kommunikationstheorie.

Marie-Joseoph Mondzain: Können Bilder töten?

Marie-Jose Mondzain forscht am Wissenschaftszentrum CNRS zum Schwerpunkt der byzantinischen Bildgeschichte. Der historische Rückhalt erhellt ihre Ausflüge in die Bildwelten der Gegenwart.  Ihr 2002 erscheinenes Buch „L’Image peut-elle tuer?“ liegt nun auf Deutsch vor. Auch hier findet die Reflexion über die Bilder der Gewalt in den Anschlägen vom 9.11.2001 einen Ausgangspunkt, aber auch andere mediale Formen wie etwa Computerspiele oder Folterfotos werden erwähnt. Mondzain stellt der populären Ansicht, dass Bilder der Gewalt auch im Leben Gewalt hervorbringen, einen historischen Rekurs gegenüber, der bis zur Kreuzigung Christi zurückführt. Sie zeigt, wie ein Bild der Gewalt die Gründung und das Bestehen einer Religion gestiftet hat.

Jean Luc Nancy: Am Grund der Bilder
Grundlegende Reflexion über den Status des Bildes

Zum Thema Bild versammelt dieser Band eine Reihe von Aufsätzen des französischen Philosophen und Derrida-Schülers Jean-Luc Nancy. Die Gegensätze von Macht und Täuschung, von Idol und Logos, von Oberfläche und Grund, von Darstellung und Undarstellbarem von Heiligem und Gewalt leiten seine Reflexionen über den Status des Bildes.  Die Beispiele sind weit gestreut: Renaissancemalerei, Videos, römische Totenmasken, Stummfilm. Woher bezieht das Bild seine Macht? Von einem unbildlichen Grund, an dem sich nicht etwas Darstellbares befindet, so Nancy,  sondern ein Moment des Todes und damit auch der Unsterblichkeit.
Zum Thema ein Vortrag in der Reihe Intervention in Zürich: L’image: Memesis und Methexis.

Klaus Sachs-Hombach : Bild und Medium

Einmal mehr meldet sich der umtriebige Magdeburger Protagonist der Bildwissenschaften Klaus Sachs-Hombach mit einem neuen Buch zu Wort. Unter dem „Bild und Medium“  stellt es einen weiteren Schritt auf dem Weg zur Gründung einer kommenden Bildwissenschaft dar. Um aus den vielen Disziplinen der Bilder eine Wissenschaft zu machen, versucht Sachs-Hombach unerschütterlich, die verschiedenen Ansätze methodisch miteinander zu verbinden. „Die Tatsache, dass die methodischen Standards dieser Fachgebiete merklich voneinander abweichen, hat zuweilen den Eindruck einer Konkurrenz um die wahre Bildwissenschaft begünstigt.“ Ob eine Wissenschaft tatsächlich eine gemeinsame Methode benötigt, ist dabei keinesfalls ausgemacht. Am Ende könnte sich ein Pluralismus verschiedener Methoden als fruchtbarer erweisen. Schlimmer noch: vielleicht ruft gerade der fatale Drang zur Vereinheitlichung und zur Angleichung der verschiedenen Ansätze erst jene Konkurrenz hervor, die den Aufbau der Bildwissenschaften so erschwert.

Walter Benjamins Archive: Bilder, Texte und Zeichen

Nach seiner Flucht aus Deutschland im Jahr 1933 begann Walter Benjamin damit, seine Notizen bei Freunden in aller Welt zu deponieren. Aus den verstreuten Archiven des Philosophen versammelt der Band „Bilder, Texte und Zeichen“ bislang weitgehend unveröffentlichtes Material: Karteien, Register, Verzeichnisse, Notizhefte, aber auch Bilder wie Ansichtskarten und Fotoserien. Parallel zu der Herausgabe des Archiv-Bandes findet in der Akademie der Künste vom 2.10- bis 19.11. eine Ausstellung statt, die die Materialien der Öffentlichkeit  präsentiert.

Landschaft, Shooter, Architektur, Hirn und Mars

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image_richter_chinonfünf Artikel in der neuesten Ausgabe von Image haben kein Tehma gemeinsam. aber ein verbindender Aspekt der meisten Texte ist die philosophische Reflexion über den Bezug zwischen Bild und Wahrnehmung.

„Landschaft ist ein Produkt einer ästhetischen Reflexion“, stellt die Autorin Beatrice Nunold knapp am Anfang ihres Artikels klar. Abgebildete Natur wird zur Sache des Betrachters und das Bild der Landschaft gibt einen mentalen Zustand wieder. Nunold greift auf die heideggersche Formulierung vom „In-der-Welt-Sein“ zurück, um Landschaft als inneres Erlebnis zu beschreiben. Aber Heidegger wäre vor einer derart subjektivistischen Wendung vermutlich zurückgeschreckt. Welt gilt ihm als etwas, das der Betrachter nicht einfach durch Reflexion verinnerlicht, sondern auf sich zukommen lassen kann. Diesen Beitrag weiterlesen »

Neue Bücher

stiegler_photographieBernd Stiegler legt unter dem Titel Bilder der Photographie ein Album photographischer Metaphern vor. Damit nähert er sich erneut dem Thema seiner Habilitation, in der er die fotografische Entdeckung der Welt im 19. Jahrhundert betrachtet hatte.

Vom selben Autor erscheint im Fink-Verlag ebenfalls im Frühjahr dieses Jahres eine Theoriegeschichte der Fotografie. Diesen Beitrag weiterlesen »

Mediale Emotionen

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mediale_emotionenEs war eine kluge Entscheidungen der Herausgeber, ihrer Sammlung einen klassischen Text von Henry James voranzustellen: „Was ist eine Emotion?“ Berühmt wurde er durch die Thesen „dass wir uns traurig fühlen, weil wir weinen, wütend sind, weil wir zuschlagen, ängstlich sind, weil wir zittern.“ Die Umkehrung der gewöhnlich angenommenen Kausalität im Gefühlshaushalt beherrscht allerdings nicht das gesamte Buch. Die meisten Autoren stützen sich auf den Ansatz von Peter Lang vor, demzufolge es sich bei Emotionen um „in Netzwerke eingebettete Handlungsdispositionen“ handelt. Deren Verhältnis zu den Bildern wird teils in einer Funktion der Mimikry, teils in einer der Auslösung gesucht. Methoden der empirischen Psychologie kommen zum Einsatz, um die emotionale Wirkung der Bilder in Versuchsreihen zu überprüfen. Diesen Beitrag weiterlesen »

Ökonomie visueller Welten

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castronova_everquest_01Mittlerweile übertrifft der Umsatz virtueller Spiel-Güter auf internen Märkten innerhalb der Spiele und auf externen wie Ebay das Bruttosozialprodukt kleinerer Staaten. Es ist höchste Zeit, den expandierenden Welten mehr Beachtung zu schenken. Castronova hat mit seinem Buch eine allgemeine ökonomische Soziographie der Online Role-Playing Games vorgelegt. Dem Umstand, dass die Spiele beinahe ausschließlich visuell funktionieren und damit eine weitere Facette eines Iconic Turns darstellen, schenkt der Ökonom leider kaum Beachtung.  Zu selbstverständlich erscheint ihm bereits die Tatsache, dass bildlich dargestellte Daten als Waren gehandelt werden können. Um so erstaunlicher sind die Konsequenzen und Potenziale, die aus dem Enstehen der synthetischen Welten folgen.

Seinen ökonomischen Ansatz begründet er mit der etwas zweifelhaften Gleichung einer „Economy of Fun“:

Gesamte Kompensation = Lohn und Spass. Diesen Beitrag weiterlesen »