Die Rolle des „decorum“ für die Emotionserzeugung

Ein Workshop an der Schnittstelle von Kulturtheorie und Neuroforschung mit Wissenschaftlern des Epilepsiezentrums Zürich, der Hochschule für Gestaltung Karlsruhe und der Hochschule der Künste in Zürich widemte sich im November 2009 der Darstellung von Zusammenhängen zwischen dem „decorum“ Effekt und dem Mediensystem der westlichen Kultur. Unter den Teilnehmern waren Hubert Burda, Heiner Mühlmann, Thomas Grunwald, Martin Kurthen, Wolfgang Ulrich, Gerhard Blechinger und Christa Maar.

Wolfgang Ulrich sprach zu Konsumprodukten als Massenmedien und Massenmedien als „decorum“ Instanzen.

Am Beispiel des Verpackungsdesigns von Dusch-Gels wird der mediale Charakter westlicher Konsumprodukte analysiert: Durch das Zusammenspiel von „visuellen Artefakten“ (Verpackung) und Olfaktion (Geruchswahrnehmung) werden psychologische Konditionierungen möglich, die einen optimierenden Einfluss auf die subjektive Wahrnehmung von Gruppenerlebnissen haben. Der „decorum“ Effekt zielt in diesem Fall auf das Erkennen und Generieren von Zielgruppen, deren innere Organisation aus einem temporären Tribalismus besteht. Dafür werden auf rudimentäre Weise die Techniken der Enkulturierung bzw. Gedächtnisbeeinflussung benutzt, wobei die intensive Wirkung der Geruchswahrnehmung auf das Gedächtnis mit einkalkuliert wird. Die Beeinflussung des Körpergeruchs durch den Duft eines bestimmten Duschgels hat eine vorbereitende Funktion für die eigene Integration in Gruppenereignisse. Die Duftwirkung wird durch die Verpackungsform verstärkt. So können Duschgels für Frauen z. B. vegetabilische, an Blüten erinnernde, die für Männer eher phallische Formen haben. Der „decorum“ Effekt besteht darin, dass er das „Passen“ von Geruch und Verpackung zum Benutzer und zu der an dem Ereignis beteiligten Gruppe vorweg nimmt. Vom „decorum“ System gehen Schlüsseleffekte der Enkulturierung aus. Die Pass-Regel des „decorum“ bedeutet: „Alle Beteiligten müssen es cool finden.“

Heiner Mühlmann untersuchte das „decorum“ als eine cross-media Technik.

Relevanz lässt sich nicht allein vom Gehirn oder Körper aus bestimmen. Sie setzt vielmehr den Bezug des Organismus auf die physikalische, biologische und soziokulturelle Umwelt voraus. Eine Disziplin zur Relevanzerkennung ist die Rhetorik. Sie arbeitet mit einer Bewertungsskala, die aus der Skalierung zwischen „erhaben“ (high-ranking) und „niedrig“ (low-ranking) resultiert. Diese Rankingskalierung wird in der klassischen Tradition der westlichen Kultur als „decorum“ bezeichnet. Es handelt sich um eine Technik, in der Ranking-Erkennung (ranking interference) und „decorum“ Äquivalente sind.
Der „decorum“ Effekt erzeugt Feldstrukturen, mit deren Hilfe mehrere gleichzeitig aktive Medien parallel geschaltet werden. Für die westliche Kultur sind seit jeher crossmediale Simultaneffekte bezeichnend. Bereits in der griechischen Antike werden Musik, Szenographie und Rhetorik parallel geschaltet; im Schauspiel wirken Inszenierung, Schauspielkunst und Bühnenbild zusammen. Wenn mehrere Medien gleichzeitig aktiv sind, stellt sich die Frage, ob es eine unterschiedliche Präsenzintensität gibt. Ein Beispiel aus der Orestie des Aischylos belegt, dass die Stärke der erzeugten Emotion nicht notwendig an die Präsenzintensität gekoppelt ist: Auf der Bühne berichtet Klytemnestra mit ausschließlich rhetorischen Mitteln über den Mord, den sie soeben an ihrem Ehemann Agamemnon begangen hat. Der Zuschauer sieht den Mord nicht, denn dieser hat im Off stattgefunden. Die Medien, die hier die stärkste Präsenz haben, sind die Szenographie und die Rhetorik. Doch sind nicht sie es, die die starke Emotion im Zuschauer bewirken. Die Tatsache, dass er die Mordschilderung hört, die Tat selbst aber nicht sieht, bewirkt eine Effizienzsteigerung der emotionalen Wirkung der Erzählung. Daraus lässt sich die Regel ableiten: Stelle die stärkste Emotion im präsenzschwächsten Medium dar. Résumé: Optimierungen von emotionaler Enkulturierung werden durch kulturelle Emotionstechniken bewirkt.

Thomas Grunwald undMartin Kurthen berichteten von der Beziehung zwischen Epilepsiechirurgie und experimenteller Rhetorik.

Epilepsien zählen zu den häufigsten neurologischen Erkrankungen. Sie sind in der Regel gut behandelbar, doch muss die Epileptologie sich zwingend neurowissenschaftlich mit Prozessen der emotionalen und sozialen Kognition und des Gedächtnisses befassen, um mögliche neurologische und neuropsychologische Behandlungskomplikationen zu minimieren. Untersuchungen an Epilepsiepatienten haben gezeigt, dass der Hippocampus als „Tor zum Gedächtnis“ fungiert. Er unterstützt die sprachliche Erinnerung und ist an der semantischen Verarbeitung von Bildern im Gehirn beteiligt. Sowohl für das verbale wie das visuelle Gedächtnis ist es entscheidend, dass der Hippocampus auf die Neuheit wahrgenommener Stimuli reagiert. Vieles Neue ist irrelevant. Die Bedeutung von Emotionen für das Gedächtnis spricht dafür, dass die „Neuheits-Detektion“ des Hippocampus eine spezielle Variante einer „Relevanz-Detektion“ darstellt. Die kulturellen Regelsysteme des „decorum“ werden auf folgende Weise hirnrelevant: Decorum-Routinen werden in der kulturellen Umwelt erzeugt und dann in die biologischen Gedächtnisse eingespeichert (Enkulturierung). Dabei wird entsprechend der Tradition der westlichen Kultur in „wichtig“ und „unwichtig“ unterschieden (Relevanz-Detektion) und Wichtiges durch das Gebot und Unwichtiges durch das Verbot der Emotionserzeugung markiert.
Die Schwierigkeit für die Neurowissenschaft besteht darin, dass Relevanz sich nicht allein vom Gehirn oder Körper aus bestimmen lässt sondern den Bezug des Organismus auf die physikalische, biologische und sozio-kulturelle Umwelt voraussetzt. Neurowissenschaftliche Methoden erlauben aber nur Aussagen darüber, was das Gehirn daraus macht. Man kann sich als Neurowissenschaftler aber eine kulturelle Technik wie die Rhetorik zunutze machen, die sich darum kümmert, wie man etwas relevant werden lässt bzw. wie man Relevantes angemessen kommuniziert. Erste gemeinsame Untersuchungen von Neurowissenschaft und Rhetorik haben gezeigt, dass es sich auszahlt, wenn die Neurowissenschaft der Rhetorik Fragen stellt statt sie erklären zu wollen. Umgekehrt kann die Rhetorik neurowissenschaftlich und klinisch relevant werden, wenn sie sich den Kriterien des Experiments stellt.

Zusammefassend wurde festgehalten, dass die Optimierungen von Enkulturierungstechniken Schlüsselfunktionen kultureller sowohl wie politischer Strategien darstellen. Dies gilt im Mikrobereich für das Erkennen und Generieren von Zielgruppen durch die Erzeugung von temporärem Tribalismus ebenso wie im Makrobereich für den politischen Einsatz solcher Techniken. Die Lenkbarkeit von Enkulturierungsdynamiken stellt das wichtigste Gegengewicht zur „Blindheit“ ethno-kulutreller Bevölkerungsdynamik und zu den Risiken militärstrategischer Geopolitik dar. Im übrigen haben die Diskussionsbeiträge von Hubert Burda deutlich gemacht, dass den Medien großer Verlagshäuser eine wichtige Funktion zukommt, was die quantitative Akkumulierung praktischen Wissens über Kultur angeht. Daran muss sich die Kulturforschung messen.

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Zu den Teilnehmern:

Prof. Dr. Dr. Thomas Grunwald
Leitender Arzt Neurophysiologie, Epilepsie-Zentrum Zürich

Studium der Phonetik, Germanistik und Anglistik in Marburg, Edinburgh und Köln. Promotion zum Dr. phil. 1982. Wissenschaftliche Tätigkeit im Bereich der Aphasiologie, dann Studium der Humanmedizin in Bonn. Promotion zum Dr. med. 1990. Seit 1990 klinische Ausbildung und Tätigkeit am Universitätsklinikum Bonn in den Arbeitsbereichen Neurologie, Psychiatrie und Epileptologie. 1995 Facharzt für Neurologie. Von 1995 bis 2002 Oberarzt der Universitätsklinik für Epileptologie, Bonn. 2001 Habilitation für das Lehrgebiet der Neurologie mit einer Arbeit über Funktionen des Hippocampus. Seit 2002 Leitender Arzt der Abteilung für klinische Neurophysiologie am Schweizerischen Epilepsie-Zentrum in Zürich. Schwerpunkte der klinischen und wissenschaftlichen Arbeit: klinische Neurophysiologie und prächirurgische Epilepsiediagnostik, kognitive Neurophysiologie.

Prof. Dr. Martin Kurthen
geboren 1959, studierte Humanmedizin in Bochum und Bonn. Nach der Promotion 1985 arbeitete er zunächst in der Klinik für Neurochirurgie der Universität Bonn. Nach einigen Jahren vornehmlich diagnostischer und wissenschaftlicher Tätigkeit in der dortigen Arbeitsgruppe für Neurophysiologie und Neuropsychologie habilitierte er sich 1992 zuerst für das Lehrgebiet «Klinische Neuro psychologie». Nach weiterer klinischer Tätigkeit in den Kliniken für Epileptologie, Neuro logie und Psychia trie der Universität Bonn erwarb er Anfang 1997 die Facharztanerkennung für Neurologie. Seither war er als Oberarzt an der Klinik für Epileptologie der Universität Bonn tätig. 1997 wurde er zum ausserplanmässigen Professor für Neurologie und Klinische Neuropsychologie ernannt.
Schwerpunkte seiner klinischen Arbeit waren in Bonn die prächirurgische Epilepsiediagnostik und die medikamentöse Einstellung von PatientInnen mit schwer behandelbaren Epilepsien. In seiner wissenschaftlichen Arbeit hat er sich vor allem mit modernen Verfahren der prächirurgischen pilepsiediagnostik sowie mit den kognitiven Aspekten fokaler Epilepsien und dem klinischen Langzeitverlauf nach konservativer und chirurgischer Epilepsiebehandlung befasst.

Prof. Dr. Heiner Mühlmann
Kulturtheoretiker, Professor für Rhetorik, hgkz, Zürich, HfG Karlsruhe
1938 geb. in Regensburg

Studium der Kunstgeschichte und Philosophie in Köln, Paris, Rom und München. Forschungsarbeit insbesondere auf dem Gebiet der Rechts- und Kunstphilosophie im Frankreich des 16. und 17. Jahrhunderts.
Heiner Mühlmann wurde in München promoviert mit einer Arbeit über “Humanistische Rhetorik und Rechtsphilosophie bei Leon Battista Alberti”. Lohn dieser Arbeit waren nicht nur Forschungsstipendien der Deutschen Forschungsgemeinschaft, die er nicht zuletzt für naturwissenschaftliche Studien nutzte, sondern auch Lehraufträge an der Universität Paris VII. Bei Bazon Brock habilitierte er sich in Wuppertal mit Überlegungen zu “Katastrophentheorie, Graphentheorie und Architektur”, die ihm bald eine außerplanmäßige Professur an der Universität Wuppertal eintrugen. Er lehrte auch an der Universität Münster, am Pariser Collège International de Philosophie. Heiner Mühlmann ist heute ordentlicher Professor am Institut für Design und Technologie an der Zürcher Hochschule der Künste und Gastprofessor an der Hochschule für Gestaltung in Karlsruhe. Er ist Mitgründer des neuroanthropologischen Forschungsprojekts TRACE in Zürich, in der sich eine interdisziplinäre Gruppe von Wissenschaftlern, Philosophen und Künstlern für die neurowissenschaftliche Gedächtnisforschung engagiert.

Prof. Dr. Wolfgang Ullrich
Professor für Kunstwissenschaft und Medientheorie
Geb. 1967 in München.
1986-1994 Studium der Philosophie, Kunstgeschichte, Wissenschaftstheorie und Germanistik. Magisterarbeit über Richard Rorty. Promotion mit einer Dissertation über das Spätwerk Martin Heideggers.
1992 Eike-Schmidt-Preis für Essayistik.
Seit 1994 freiberuflich tätig als Autor, Dozent, Berater.
Publikationen zu Geschichte und Kritik des Kunstbegriffs, modernen Bildwelten und bildsoziologischen Fragen sowie zu Wohlstandsphänomenen.
Mehrere Bücher bei den Verlagen Klaus Wagenbach (Berlin) und S. Fischer (Frankfurt/Main) (siehe Bibliographie).
Zahlreiche Lehraufträge (u. a. Pädagogische Hochschule Ludwigsburg, Universität Halle, Universität Hamburg, Mozarteum Salzburg, Hochschule für Gestaltung Karlsruhe, Universität St. Gallen).
Beratung u. a. von Volkswagen AG, KarstadtQuelle AG, Red Bull, Swarovski.
1997-2003 Assistent am Lehrstuhl für Kunstgeschichte der Akademie der Bildenden Künste München.
2003f. Gastprofessor für Kunstwissenschaft an der Hochschule für bildende Künste Hamburg.
2004f. Gastprofessor für Kunstwissenschaft und Medientheorie an der Hochschule für Gestaltung Karlsruhe.
2006f. Vertretungsprofessor für Kunstwissenschaft und Medientheorie an der Hochschule für Gestaltung Karlsruhe.

2 Kommentare zu „Die Rolle des „decorum“ für die Emotionserzeugung“

  1. carina sagt:

    Bin heute erstmalig auf diese Seite gestoßen und bin begeistert. Hier kann man viel Wissenswertes finden. Ich werde diese Seite von nun an öfter lesen.

  2. Neurophysiologische Behandlung Erwachsene…

    Ich finde Ihren Artikel interessant, deshalb habe ich ein Trackback hinzufügt zu meinem Webolg :)…