Wende wiederkehr Turn: Doris Bachmann-Medick interviewt von Springerin

springerin_cover_2009_4_grDie österreichische Kunstzeitschrift Springerin widmet sich in der jüngsten Ausgabe dem Thema “Wende Wiederkehr”. Doris Bachmann-Modick, seit ihrem Buch “Cultural Turns” Fachfrau für Wenden (s. Interview auf Iconic-Turn 2006), hat per E-Mail Christian Höller auf eine Reihe von Fragen zum Thema geantwortet. Der Begriff des Turns bietet ihrer Ansicht etliche Vorteile, vor allem weil er beweglicher ist und nur thematisch fokussiert, ohne eine methodische Festlegung zu erzwingen.

Zwingend ist die Bezeichnung Turn sicher nicht. Aber sie hat Vorteile. Denn damit lässt sich das Feld der kultur- und geisteswissenschaftlichen Forschung anders und offener als bisher strukturieren, ja geradezu »kartieren«. Es ist ein »mapping« entlang von Konzepten, die einen ausdrücklich interdisziplinären und interkulturellen Horizont eröffnen. Dagegen sind bisherige Einteilungen nach Forschungsrichtungen oder Theorieschulen wie Strukturalismus, Poststrukturalismus, Dekonstruktivismus usw. längst nicht so offen für interdisziplinäre und interkulturelle Gelenk- und Anschlussstellen.

In älteren Ansätzen der Ethnographie und Soziologie findet sie dieses vergleichsweise untheoretische und interdisziplinäre Muster bereits vorgeprägt:

Clifford Geertz hatte schon in den 1980er Jahren festgestellt, dass sich der »culture shift« in der sozialwissenschaftlichen Landschaft gerade über ein »blurring of genres« vollzieht.

Dabei sieht sie den lingistic turn, mit dem der Begriff “turn” aufkam, keineswegs als Vorbild, sondern eher alsKontrapunkt für die darauffolgenden Wenden, die sich an der philosophischen Fixierung auf die Sprache abarbeiten.

Eine ihrer Stärken liegt sicher darin, dass sie nach und nach die Vorherrschaft des Linguistic Turn, den ich als Megawende bezeichnen würde, aus den Angeln gehoben haben. Die weiteren Turns bringen nämlich eine Rückkehr des Verdrängten. Sie bedeuten eine Rückgewinnung von Dimensionen, die unter der Sprachfixierung des Linguistic Turn abhanden gekommen sind.

Die vermeintliche Leichtigkeit des Begriffs Turn macht ihn aber auch anfällig für eine inflationäre Anwendung, die eine Wende nach dem anderen hervorgebracht hat.

Was lässt sich gegen die inflationäre Inanspruchnahme des Begriffs unternehmen?
In der Tat ist das Aufblähen des Diskurses gegenwärtig unübersehbar. Der Innovationsdruck im Drittmittelgeschäft macht sich darin bemerkbar, dass Forschungsfelder erst einmal besetzt und wie Copyrightwaren mit wohlklingenden Labels versehen werden – oftmals vage Forschungsversprechen.

In die allzu offene Vielheit des Verwechselbaren will der Fragesteller den Begriff dann allerdings doch nicht entschwinden lassen. Seiner Ansicht nach gibt es neben bloß ergänzenden Wenden auch grundlegendere.

Christian Höller: Beim Postcolonial Turn scheint dies gänzlich anders zu sein, da er dem Etablierten nicht nur etwas bislang Negiertes oder Unterdrücktes hinzufügt, sondern den ganzen konzeptuellen Apparat, auf dem die westliche Auseinandersetzung mit Kultur beruht, grundlegend in Frage stellt.

Indem Doris Bachmann-Medick hier zustimmt, relativiert sie allerdings einige der Vorteile, die sie anfangs für den Begriff des Turns noch in Anspruch genommen hat:

Hier haben die Postcolonial Studies grundlegender, ja erkenntniskritisch angesetzt – aber nicht nur diese, sondern auch die Gender Studies. Der ganze »konzeptuelle Apparat«, wie Sie sagen, wird hier zur Disposition gestellt. Die Perspektiven von Gender und Postkolonialismus ziehen dabei an einem Strang. Beide rücken nicht nur politisch brisante Themenfelder ins Licht. Darüber hinaus wirken sie als erkenntniskritische Analysekategorien, die traditionelle Grenzziehungen massiv infragestellen und im Ausgang von kolonialen sowie geschlechtsbezogenen und sexuellen Machtverhältnissen kulturspezifische Macht- und Hierarchiesysteme überhaupt aufdecken. Anders als andere Turns arbeiten sie an zwei Fronten: von der gesellschaftskritischen leiten sie eine erkenntniskritische ab.

Später fügt sie hinzu, dass man deshalb beide Fälle eventuell nicht als Turns bezeichnen sollte:

Sollte also die Genderkategorie gerade nicht zu einem Turn eingehegt werden, sondern vielmehr quer durch alle Turns hindurch die Kulturwissenschaften durchkreuzen? Und gilt dies nicht eigentlich auch für die postkoloniale Kritik? Dies wäre sicherlich ein weiterer interessanter Diskussionspunkt.

Plötzlich ist man doch wieder zurück in der Welt der Schulen, die nicht ohne universellen Anspruch auskommen können. Wobei gerade der größte aller lebenden Universalisten, Alain Badiou, den übergreifenden Anspruch des Postcolonial- und des Gender-Turn vehement bestreiten würde. Badiou sieht etwa in der Zersplitterung der Theorien nach Interessengruppen nichts anderes als ihre Unterwerfung unter die Gesetze der Ökonomie, Futter “für merkantile Investitionen, wenn Frauen, Homosexuelle, Behinderte, Araber als fordernde Gemeinschaft und kulturelle Singularitäten auftreten.” (Alain Badiou, Paulus. Die Begründung des Universalismus, München 2002, S. 22.)

Am Ende scheint auch im Interview die methodische Strenge gegen die lose Kopplung der Turns zu obsiegen. Aber immerhin gelingt es Bachmann-Medick einen Weg aufzuzeichnen, der von den Metaphern der Wenden nicht etwa zurück zur Starrheit der Methode führt, sondern darüber hinaus zu kulturellem Handeln.

Die Turns wären in ihrer Janusköpfigkeit von Konzepten und Methoden erst noch stärker auf ihr methodisches Vermögen hin auszuarbeiten. Wie kommt man von bloßen Konzepten (die leicht in theoretischer Unverbindlichkeit verbleiben) zu Methoden? Mit dieser entscheidenden Frage könnten die Turns wiederum Anschluss an die konkrete Arbeit in den Disziplinen oder an künstlerische Praktiken gewinnen – was mir entscheidend zu sein scheint. Denn die Kulturwissenschaften haben die Wirklichkeit lange genug interpretiert – es kommt nun darauf an, sich noch stärker als bisher in Wirklichkeitsbezüge hineinzuübersetzen.

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Turn Turn Turn: Doris Bachmann-Medick im Email Interview mit Christian Höller. Springerin 04/2009, S. 18-24

Bild: Springerin Cover unter Verwendung des Bildes Kremlin Doppelgänger (2008)  von Anna Jermolaeva

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