Charles Kenny’s verkehrte Welt: Fernsehen, nicht Facebook regiert

, – von Stefan Heidenreich

tv-katmandu- rpb1001TV ist und bleibt die grösste Volksbewegung der Welt. Das behauptet Charles Kenny auf Foreign Policy, und sein Blick umfasst tatsächlich die Welt als Ganzes. Dort aus sieht einiges sehr anders aus als im heimeligen Deutschland, wo sich Beststeller-Philosoph Riachard Precht auf den Medientagen ebenso provinziell wie traditionell um die Fragmentierung der Öffentlichkeit sorgt.

Kenny nennt viele Zahlen und erwähnt einige überraschende Seiteneffekte des Fernsehens. Das Fernsehen und nicht die vielgepriesenen Social Networks ist einer der großen Wachstumsmärkte weltweit. Unsere ganzanders gelagerte Wahrnehmung liegt daran, dass wir die andere Seite des digital Divide vergessen – Gebiete, in denen es weder Internet noch Strom, aber viele Menschen gibt. Dort sieht Kenny dank günstiger Stromversorgung ein Wachstums-Potenzial von 150 Millionen neuen TV-Haushalten bis 2013 – lange bevor das Netz ankommen wird.

In the not-too-distant future, it is quite possible that the world will be watching 24 billion hours of TV a day — an average of close to four hours for each person in the world.

Der Vormarsch des Fernsehen hat, so Kenny, einige nicht ganz unpolitische Seiteffekte.

Simply giving a village access to cable TV, research by scholars Robert Jensen and Emily Oster has found, has the same effect on fertility rates as increasing by five years the length of time girls stay in school.

So zweifelhaft der herbeigeforschte Zusammenhang von Schule, Fernsehen und Geburtenrate auch sein mag – Kenny weist darauf hin, dass Fernsehen vor allem in den Serien Rollenmodelle kinderarmer Mütter zeigt, die ihren Eindruck nicht verfehlen.
Es wäre ein amüsanter absurder Gedanke, auch dieses Detail der verkehrten Welt auf Deutschland übertragen. Ließen sich doch die Probleme mit der Geburtenrate mit simpler TV-Abstinenz lösen.
Auch sein Blick auf Öffentlichkeit läuft der deutschen zwangsgebühr-finanzierten Monokultur-Wunschphantasie doch sehr zuwider.

The explosion of choice is loosening the grip of bureaucrats the world over, who in many countries have either run or controlled programming directly, or heavily regulated the few stations available.

Für Kenny keine Frage. Eine wirkliche Öffentlichkeit entsteht gerade mit der Fragmentierung der Programme, die neue Gemeinschaften hervorbringt, nicht in ihrer staatlich geförderten Konzentration. Daher sein Ratschlag:

But for the most part, politicians ought to be paying less attention to TV, not more. They shouldn’t be limiting the number of channels or interfering in the news. A vibrant, competitive television market playing Days of Our Lives or
Días de Nuestras Vidas on loop might have a bigger impact even than well-meaning educational programs. And competition is critical to ensuring that television helps inform voters, not just indoctrinate them.

Ob Soaps wirklich das Erziehungsmittel der Wahl sind, sei dahin gestellt. Hier schiesst Kenny wohl übers Ziel hinaus, wenn auch einer Ebene höher als Precht, der noch quasi staatmonopolistisch argumentiert, wenn er behauptet:

dass eben außer den Öffentlich-Rechtlichen niemand die gewährte Chance hat, Öffentlichkeit herzustellen.

Mangels öffentlich-rechtlicher Quelle zitiert nach Stefan Münkers Entgegnung, der sich gegen solchen Unsinn wehrt. Die Erkenntnis, dass Fragmentierung gerade die Voraussetzung einer freien öffentlichen Meinung ist, war bei den Münchner Medientagen offenbar nicht gefragt. Kein Wunder angesichts der Lage, aber auch kein Lichtblick.
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Foto rpb1001

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