Tom Holert über Visual Culture

nbc_westwingTom Holert hat einen lesenswerten Artikel über die im Disziplin Visual Cultures geschrieben.
Während man in Deutschland noch etwas provinziell um den Aufbau der hiesigen Bildwissenschaften ringt,  gibt es das Fach Visual Cultures in Amerika und England schon seit Jahrzehnten – mit Themen und Theorien, die von dem, was hierzulande diskutiert wird, wenig zu tun haben. In Deutschland regiert noch das Modell der althergebrachten Geisteswissenschaften, ob als Wasserkopf an Methodenreflexion oder Werkinterpretation im Geist der Kunstgeschichte.
Holert holt lang aus, um deutlich zu machen, wie wichtig die Reflexion auf den eigenen Standpunkt ist, als beteiligter und nicht als distanzierter Beobachter. Das macht er mit einer amüsanten Wendung. Er outet sich als Fan der amerikanischen Serie The West Wing.

Die multiplen Verstrickungen in die Textualitäten und Performativitäten der globalen visuellen Kultur sind unausweichlich. Dies zu erkennen und theoretisch zu bearbeiten ist – das wäre eine erste These – eine der zentralen Voraussetzungen dafür, eine politische, also kritisch-transformatives Verhältnis zu den Phänomenen und Prozessen der visuellen Kultur entwickeln zu können.

Nicht schön zu lesen, aber gleichwohl im Argument verständlich fährt er fort:

Um die inhärente Politizität dieser immer wieder neu zu begründenden Relationalität zu untersuchen, kann man beispielsweise von expliziten audiovisuellen Inszenierungen des Politischen ausgehen.

Will heißen: wenn man verstehen will, wie Bilder ihre politische Bedeutung beim Beitrachten entfalten, bieten sich als Beispiel politische Nachrichten und deren Inszenierung an. Manchmal ist es wirklich grausam, wenn gute Denker ihre Leser und sich selbst mit einem schwer erträglichen Sprachwust quälen.

Aber weiter, denn Holerts Aufsatz ist gut und wird lesbarer, wo er sich den Visual Studies zuwendet.

Visual Culture, so wie ich die produktivste Konzeption von Bildkulturwissenschaften begreife, ist eine Erweiterung und Vertiefung der Cultural Studies. Womöglich sehr viel mehr als die Kritik der Kunstgeschichte und anderer traditioneller Wissenschaften vom Bild ist es der visual turn, den die Cultural Studies schon in ihren Anfängen auf unterschiedliche Weise vollzogen haben, indem sie sich auf subjektivierende Praktiken des Sehens und des Zu-sehen-Gebens konzentrierten.

Methodisch scheint ihm die Position des Forschenden ein Kernproblem zu sein.

Das forschende Selbst wird methodisch einbezogen in den Prozess der kritischen Untersuchung, der ’studies‘. Es spielt mit, schreibt mit, eignet an.

Methode mag man diese Haltung gerade eben noch nennen, aber Wissenschaft, die doch immer noch an einen Begriff der Wahrheit und also einer objektiven Haltung gekoppelt war, wohl kaum. Aber das würde auch im angelsächsischen Raum, wo Geisteswissenschaften nicht als Sciences gelten, niemand beanspruchen.

Holert zeichnet ausgehend von einer Ausgabe des Magazins October aus dem Jahr 1996 die Entstehung der Visual Studies nach, und hebt einige der Debatten hervor. So etwa den Angriff von James Elkins, der der Visual Culture vorwarf, zu sehr im allein Gegenwärtigen zu verhaftet zu sein, oder Mieke Bal’s Angriff, man würde dem Visuellen willkürlich und unbegründet einen Vorrang einzuräumen.
Am Ende kommt Holert noch einmal auf die Position des Kulturwissenschaftlers zurück, indem er ihn mit der des embedded journalist beim Irak-Feldzug begreift. Ein besseres Argument gegen diese Position hätte er freilich nicht finden können, denn es stellte sich nur allzu deutlich heraus, dass die eingebetteten Beobachter weder ein Gesamtbild des Krieges und seiner Ursachen entwerfen, noch zwischen wirklichen und inszenierten Ereignissen unterscheiden konnten. Aber das sieht der Forscher im Sinn der Cultural Sstudies, der sich fast ethnographisch als teilnehmender Beobachter begreift, auch nicht als seine Aufgabe an.

Tom Holert: Regimewechsel. Visual Studies, Politik, Kritik. In: Klaus-Sachs Hombach: Bildtheorien. 2009, 328-353

Bild: West Wing Quelle: http://www.nbc.com/The_West_Wing/

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