Datamosh Vertov

datamoshing_kanyewestLeider nicht ins Netz gesetzt hat das Magazin Cargo einen Aufsatz von Ute Holl, in dem sich die Medienwissenschaftlerin über das Verhältnis vom Kino zum Netz ihre Gedanken macht.

Was Kino war und gewesen sein wird, zeigt sich in seiner Netzform deutlicher. Ein Medium verrät immer die Tricks eines anderen – und apropriiert sie, maskiert, als seine eigenen.

Das erinnert von fern an die Weisheit des Medienwissenschaftler Marshall McLuhan, dass neue Medien stets ihre alten Medien zum Inhalt haben.
Dass Holl die Tricks des Kinos nun ausgerechnet an einem technizistischen kleinen Gimmick wie dem Datamoshing wiederfindet, ist mehr als erstaunlich.

Das Datamoshing ist wohl die erste Technologie digitaler Filmbilder, die in die Struktur des Algorithmus als in die Struktur eines Materiellen der Bilder selbst eingreift.

Von diesem Zuerst kann kaum die Rede sein, wird doch im digitalen Postprocessing seit langem grundsätzlich nichts anderes als eben das gemacht. Auch hört sich Struktur des Materiellen arg verschwurbelt an, den es handelt sich nun um nichts weiter als den Gebrauch jener Artefakte, die bei Videokomprimierung gleichsam standardmäßig entstehen. So erklärt es kein geringerer als David Oreilly, einer der Regisseure, die die Technik 2005 zum ersten Mal eingesetzt haben. Und er erklärt auch gleich kategorisch: Datamoshing is so over!

Interessanter wird es, wo Holl zu grundlegenderen Effekten des Internets kommt. Als eines seiner Prinzipien macht sie die Tatsache aus,

dass Bilder sich von ihren Urheber/innen/n verabschieden, zu streunen anfangen, namenlos werden, promisk. Filme im Netz sind kopiert, zerteilt, zerrissen, gemischt, prinzipiell, ohne Vor- und Abspänne.

Das ist alles nur richtig und wäre interessant, weiter zu bedenken – im Hinblick auf den Tod des Autoren, Formate, Sehgewohnheiten etc. – aber anstatt den Gedanken weiter zu verfolgen, kehrt sie mit einem Salto Rückwärts zu den ewig gleichen Avantgardisten zurück, die immer und immer wieder bemüht werden, wenn sich im Kino etwas Neues ankündigt – Eisenstein und Vertov. Als hätten ihre Experimente schon immer vorweg genommen, was sich außerhalb des Kinos je ergeben könnte. So wird, was  im Netz über das Kino und auch das Kino-Auge hinausgehen könnte, gedanklich zurückbugsiert in den heimeligen filmphilologischen Raum, dessen gedankliche und visuelle Grenzen die Avantgarde des Kinos einst abgesteckt hat.

Bild: www.boardsmag.com/articles/magazine/20090401/datamoshing.html

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