Erklärungsansprüche

bildtheorienBildtheorien heisst der neueste Sammelband des Chemnitzer Bildwissenschaftlers Klaus Sachs-Hombach. In der Einleitung äussert der Herausgeber einige skeptische Überlegungen zum Begriff des iconic turn.

Die in allen gesellschaftlichen Bereichen gestiegene Relevanz und vor allem die zunehmend intensivere wisssenschaftliche Beschäftigung mit Bildern hat dazu geführt, in mehreren Varianten von einem turn zu sprechen. … Ob es aber berechtigt ist, diese Rede vom turn mit einem dem linguistic turn vergleichbaren Erklärungsanspruch zu vebrinden, ist bisher unklar geblieben.

Erklärungsanspruch lautet das Wörtchen, das uns hier aufhorchen lässt.

Denn wenn es eine Berufskrankheit der Philosophen gibt, dann handelt es sich um die des Erklärungsanspruchs. Letzbegründungen, Begriffsklärung und ähnliche Arbeiten an der Basis des Wissens beanspruchen sie als ihr ur-eigenes Geschäft. Würde also plötzlich jemand fachfremdes mit dem gleichen Vorhaben daherkommen, wäre das nichts anderes als Wilderei in ihrem Revier. Das betrifft auch denphilsophisch unautorisierten Gebrauch des Begriff iconicturn.

Im Unterschied zur Einschätzung des linguistic turn ist entsprechend die Ansicht vertreten worden, daß die gesellschaftliche Relevanz der Bilder zwar ihre verstärkte Erforschung und damit die Ausbildung einer Bildwissenschaft verlange, daß dies aber keineswegs rechtfertige, hierin einen fundamentalen Wandel des grundsätzlichen wissenschaftlichen Paradigmas zu sehen. Trifft diese Ansicht zu, dann wäre die (in den letzten Dekaden in vielen Bereichen doch recht inflationär verwendete) Rede vom turn eine bloße façon de parler und entsprechend bestenfalls als Werbemaßnahme um das knappe Gut der Aufmerksamkeit zu bewerten.(S.7)

Der iconicturn wäre demzufolge nichts weiter als eine Redeweise, die allein erfolgreich Aufmerksamkeit erregt hat, ohne dafür einen gültigen Berechtigungsschein vorweisen zu können.  Das im Gegensatz zu den Bildwissenschaften, die sich nicht nur vereinsmässig organisiert, sondern auch noch reichlich Forschungsgelder empfangen haben. Was sind die Kriterien, die die Philosophen anlegen, um die Erklärungsansprüche der anderen turns im Gegensatz zum dem des linguistic turns zu bezweifeln? Ein methodisches Programm, methodisches Paradigma von Forschungen ganz allgemein und schließlich fachübergreifende Relevanz, so Sachs-Hombach. Da nun der Begriff des turn auf diese Weise auf ein ganz bestimmtes Vorbild des linguistic turn festgezurrt wurde, kann der Philosoph als Begriffpolizist zu Werk schreiten, allerdings nicht ohne vorab noch einmal seine Eignung nachzuweisen:

Den Intentionen der sprachanalytischen Philosophie scheint mir nur die erste Lesart zu entsprechen. Die epistemologisch-wissenschaftstheoretischen Forderungen, die damit verbunden sind und die in der Philosophiegeschichtesschreibung nach Antike und Neuzeit zum Sprachparadigma der Moderne geführt haben, halte ich zudem für weitgehend berechtigt. In diesem Sinne ist meines Erachtens ein vergleichbarer turn zum Bild nicht gegeben und vermutlich auch nicht möglich.(S.9)

Nun wird dieses ganze Argument vom Boden einer sprachanalytischen Schule aus geführt, die den lingistic turn als ihren Gründungsakt begreift.  Doch gerade damit hat es seinen Haken.

In der Philosophie, die den lingistic turn bekanntlich hervorgebracht hat, bedeutete dies, daß zumindest viele der traditionellen philosophischen Aporien als Sprachprobleme formuliert und entsprechend über eine Sprachanalyse lös- beziehungsweise auflösbar sein sollen.(S.8)

Tatsächlich kan man die übergreifende Bedeutung des lingtistic turn in Frage stellen. Und zwar nicht nur von methodischer Seite sondern auch in seiner fachübergreifenden Relevanz. Niemand geringerer als der Erfinder des Ausdrucks Richard Rorty, hat diese Zweifel denn auch formuliert, und zwar als Bedenken gegen die gesamte analytische Denkschule, die sich den Begriff auf die Fahnen geschrieben hat:

In saying that “analytic philosophy” now has only a stylistic and sociological unity, I am not suggesting that analytic philosophy is a bad thing, or is in bad shape. The analytic style is, I think, a good style. The esprit de corps among analytic philosophers is healthy and useful. (Consequences of Pragmatism, 1982, p.217)

So wäre denn am Ende die erfolgreiche Einführung des lnguistic turn ebenfalls nicht mit einem methodischen Programm verbunden, sondern lediglich ein Sprechstil oder eine Redewendung, die einen begrifflich unscharfen, wohl aber gesellschaftlich relevanten Umschwung meint. Selbst dann wenn er, wie der lingtistic turn, letztlich nur für eine bestimmte philosophische Schule von Bedeutung war. Was die gesellschaftliche Relevanz betrifft, scheint der iconic turn sich weit allgemeiner und breiten auszuwirken als sein philosophischer Vorfahr, denn er beschränkt sich nicht allein auf eine fachspezifischen  Bewegung, sondern tritt uns als Phänomen allgegenwärtig vor Augen. So hat denn auch Sachs-Hombach am Ende sein Einsehen und erteilt dem iconic turn wenigstens eine partielle Absolution.

Wenn es nun berechtigt sein sollte, in der dritten Lesart für den Bildbereich eine dem linguistic turn vergleichbare Wende auszurufen, dann wäre damit der Anspruch erhoben, daß es vor allem (oder zumindest in demselben Maße) die Bildkompetenz (und nicht nur die Sprachkompetenz) ist, die uns als Menschen auszeichnet.(S.10f.)

Nur gut, dass wir beim Sprechen und Denken nicht auf die Berechtigungs-Papiere der Anhänger des linguistic turn angeweisen sind. Es genügt schon Wittgenstein, um die Machtansprüche seiner verbohrten Nachfolger zu erledigen: Die Bedeutung eines Wortes ist sein Gebrauch in der Sprache. Also sprechen wir weiter vom iconic turn, in der Gewissheit, dass er selbst als façon de parler genügend Aufmerksamkeit auf sich zieht.

1 Kommentar zu „Erklärungsansprüche“

  1. nice post. thanks a lot for the information