Cultural Turns

uturn_01.jpgEin Interview mit Doris Bachmann- Medick, deren im Sommer 2006 erschienenes Buch Cultural Turns. Neuorientierungen in den Kulturwissenschaften einen bemerkenswerten Überblick über eine Reihe von “Wenden” in den Kulturwissenschaften gibt.
Was bedeutet das Auftauchen der sogenannten “Turns” für die Kulturwissenschaften?

Als Theorie- und Forschungswenden bilden die Turns wichtige Scharniere für Grenzüberschreitungen zwischen fachspezifischen Forschungsprozessen. Sie entsprechen nicht nur den inter- oder transdisziplinären Ansprüchen der Kulturwissenschaften, sie verkörpern sie geradezu. Denn sie vernetzen die Disziplinen nicht etwa im luftleeren Raum, sondern beziehen sie in jeweils konkret benennbaren gesellschaftlichen und wissenschaftspolitischen Situationen auf ähnliche Analysekategorien und gemeinsame Fokussierungen – sei es Bedeutung oder Performanz und Inszenierung, oder auch Raum, Bild, visuelle Wahrnehmung usw.

Die heutigen Problemknotenpunkte, die durch Globalisierung, kulturelle Konflikte, Integrationsspannungen usw. immer komplexer werden, verlangen ein Konzept von Kulturwissenschaften, das solche produktive Kontaktzonen der Disziplinen entlang wechselnder, gemeinsamer „turns“ auslotet.

Was bewirkt ein Turn innerhalb einer Wissenschaft?

„Turns“ sind eben jene Neufokussierungen, die man erst auf solchen Ausflügen und Grenzüberschreitungen „außerhalb“ der Disziplinen erreicht.

Einen solchen „Außenblick“ braucht man, um an den spezifischen Gegenständen der eigenen Disziplinen bisher nicht Gesehenes oder Überlagertes entdecken oder wiederentdecken zu können – mal dadurch, dass ein Schwerpunkt auf Bedeutungsfragen gelegt wird (interpretive turn), mal durch Aspekte performativer Inszenierung (performative turn), oder auch durch die Neuentdeckung von Raum als Analysekategorie (spatial turn), schließlich auch durch Einsicht in das Potential von Bildlichkeit als einer eigenen, nicht verbalen Äußerungsform (iconic turn).

Es ist nun erstaunlich, wie solche und andere „turns“ niemals nur in einer einzigen Disziplin Fuß fassen, sondern geradezu parallel in einer Vielzahl von Fächern. Schon dadurch ergibt sich eine „Kampfzone“ der Disziplinen, mit Bourdieu gesprochen: der Kampf um „symbolisches Kapital“, um Vorherrschaft und Definitionsgewalt im „akademischen Feld“.

In der Tat übernehmen einige Disziplinen Vorreiterfunktion. Lange Zeit war es die Ethnologie/Kulturanthropologie, dann im spatial turn die Kulturgeographie und im iconic turn die Kunstgeschichte/Bildwissenschaft. Wie konfliktträchtig dies ist, zeigt sich gerade in der gegenwärtigen Situation in den Kontroversen zwischen Kunstgeschichte und interdisziplinärer Bildwissenschaft.

Inwiefern führen die turns über bloße intellektuelle Moden hinaus?

Die Dynamik des Wettbewerbs um Vorherrschaft tobt sich nicht zuletzt auch im uferlosen Erfinden immer neuer „turns“ aus, das aus jeder kleinen Parzelle des akademischen Felds neue Königreiche der Forschung machen will.

Es kommt also darauf an, die Spreu vom Weizen zu sondern. Und da mache ich den Vorschlag, jeden einzelnen turn einer Testfrage zu unterziehen: Wieweit werden nicht nur neue Gegenstandsfelder erkundet (z.B. Bild, Blick usw. als Erkenntnisgegenstand), sondern daraus zugleich auch methodisch fruchtbare neue Analysekategorien gewonnen (Bild, Blick usw. als Erkenntnismittel). Und da ist eben die Frage, wieweit ein „emotional turn“ beispielsweise in der Lage wäre, über die bloße Häufung des Untersuchungsinteresses auf Emotionalität hinaus wirklich einen „turn“ zu etablieren.

Modische Gegenstandsfelder gibt es viele, aber um „turnverdächtig“ zu sein, muss noch ein methodischer Schritt hinzukommen. Dass ein turn ein turn ist, zeigt sich außerdem erst, wenn unter seinem Vorzeichen in möglichst vielen Disziplinen gearbeitet wird.

Direkt erfahrbar wird dies durch ein Aha-Erlebnis, wenn sich nämlich das für originell und besonders innovativ gehaltene eigene Forschungsinteresse plötzlich in den unterschiedlichsten Fachgewändern vervielfältigt. Mehr als bei einer Mode, aber weniger verpflichtend und kopernikanisch als bei einem Paradigma entsteht ein „turn“ durch „gesteigerte Aufmerksamkeit“ auf die gewachsene Bedeutung einer Sache bzw. der wissenschaftlichen oder gesellschaftlichen Relevanz einer komplexen Problemlage.

Wie steht der „iconic turn“ zu den anderen „turns“?

Eigentlich setzen alle anderen turns die Vorherrschaft der Verbalsprache unhinterfragt voraus und erkennen sie an. Dies tun sie auch dann, wenn sie – wie beim performative turn – Inszenierung und Darstellung, also ebenfalls etwas Gestisches, Nicht-Sprachliches in den Vordergrund rücken.

Dagegen zeichnet sich der iconic turn durch sein Umlenken auf eine gänzlich andere epistemologische Ebene aus: auf die Evidenz von Bildern. Und doch würde ich sagen, dass selbst der iconic turn so einzigartig nicht ist, da auch er ohne Sprache (ohne Bilderklärung usw.) nicht auskommt – dass die meisten Arbeiten zum iconic turn sogar auf jegliches Bildmaterial verzichten, ist noch eine besonders auffällige Absurdität. Auch ein Erkennen durch Bilder kann jedenfalls nicht durch Bilder allein geschehen, sondern benötigt Sprache und Wörter. Dennoch ist der epistemologische Sprung beim iconic turn sicher größer als bei anderen Theorie- und Forschung“wenden“.

Wird der „iconic turn“ eine Wende, bei der sich die Kunstgeschichte zu einer allgemeinen Bildwissenschaft wandelt? Oder verschwindet sie, indem sie Teil der Bildwissenschaft wird?

Beim „iconic turn“ ist ein solcher Revierkampf vor allem zwischen Kunstgeschichte und allgemeiner, interdisziplinärer Bildwissenschaft besonders deutlich sichtbar. In meiner „Außensicht“ als Kulturwissenschaftlerin, die an dieser speziellen Debatte nicht unmittelbar beteiligt ist, habe ich eher den Eindruck von lähmenden Querelen, die sicher konstruktiver gewendet werden könnten.

So erweitert sich die Kunstgeschichte zwar zur Bildwissenschaft. Aber sie geht darin zum Glück nicht auf, nicht zuletzt aufgrund ihrer historischen Kompetenz zur Formanalyse. Doch die Wellen der interdisziplinären Bildwissenschaft schlagen hoch. Und so steht die Kunstgeschichte in Gefahr, doch wieder zu stark zurückzurudern in die Selbstgenügsamkeit ihres disziplinären Hafens.

Dies lässt eine interdisziplinäre Bildwissenschaft eher abebben – jedenfalls solange sie als Sammelbecken verschiedener Disziplinen ihr eigenes Profil noch nicht gefunden bzw. methodisch geschärft hat. Genau dafür aber braucht die Bildwissenschaft weiterhin die Anstöße der disziplinären Grenzziehungen vonseiten der Kunstgeschichte.

Wo sehen Sie und wünschen Sie sich die Bildwissenschaft? Als in die Kulturwissenschaften eingebettete Disziplin? Als Teil oder Nachfolger der Kunstwissenschaft?

Beides. Die Öffnung der Kunstgeschichte auf eine kulturwissenschaftlich orientierte Bildwissenschaft wäre das eine. Darüber hinaus bin ich aber als Kulturwissenschaftlerin besonders daran interessiert, dass das Potential der kritischen Bildanalyse wiederum für eine Neuorientierung der Kulturanalyse und der Kulturwissenschaften fruchtbar gemacht wird.

Wenn sich die Bildwissenschaften, die den iconic turn vollziehen, auf eine umfassendere bildkulturelle und bildpolitische Horizonterweiterung einlassen wollen, dann kommen sie nicht umhin, sich auch in eine weitere kulturwissenschaftliche Konstellation hinein zu begeben, d.h. sich auch mit anderen kulturellen Praktiken und Wahrnehmungsformen ins Verhältnis zu setzen. Dazu gehören z.B. genderorientierte Fragen nach geschlechtsspezifischen Blicken und Bildwahrnehmungen, aber auch das Einbeziehen von akustischen Wahrnehmungen (immerhin wird im Film der visuelle Eindruck gerade durch seine akustische Begleitung mitgeschaffen, ja potenziert).

Vielleicht liegt die Zukunft der Bildwissenschaft dort, wo sie eben nicht nur kunsthistorische oder bildwissenschaftliche Kompetenzen ausbildet, sondern wo sie sich anreichert mit ethnologischem und religionswissenschaftlichem Wissen, wo sie sich zudem auf Raumbezüge und Handlungsauswirkungen des Visuellen hin öffnet – gerade auch mit einem interkulturellen Untersuchungsinteresse. Denn besonders unter dem Druck von Globalisierungsproblemen wird es unverzichtbar, das Visuelle mit anderen kulturwissenschaftlichen Praktiken und Kompetenzen zu verbinden, Kunstgeschichte und Bildwissenschaft zu interkultureller Bildwissenschaft, zu Bildkulturwissenschaft (vgl. Birgit Mersmann) zu erweitern – gerade um den verschiedenen Bildkulturen und Kulturen des Blicks (vgl. Hans Belting und das IFK in Wien) gerecht zu werden.

Das Beispiel der Mohammedkarikaturen und anderer Bildtabus, aber auch die Inanspruchnahme von Bildern zur politischen Manipulation wie etwa im Fall der vermeintlichen Bildbeweise im Vorfeld des Irak-Kriegs fordern deutlich dazu heraus. Hier könnte einmal an konkreten Fallstudien gezeigt werden, wie analysefähig und -notwendig die neue Bildreflexion und Bildersensibilität eigentlich ist. Wenn Kunst- und Bildwissenschaft etwa an solchen Analyseherausforderungen über sich hinauswachsen, geben sie sich nicht etwa auf. Nein, sie schärfen vielmehr ihre Fähigkeiten zur historischen Formanalyse in anderen gesellschaftlichen Umfeldern, als sie aus der kunstgeschichtlichen Tradition heraus vertraut sind.

Kunst- und Bildwissenschaften müssen also nicht befürchten, dass ihnen die Felle davonschwimmen, wenn sie in den umfassenderen kulturwissenschaftlichen Forschungsprozess eingebunden werden.

Sind Medien und deren Bilder ein historischer Anlass des „iconic turn“? Liegt darin eher eine Gefahr, eher eine Herausforderung oder ein Fortschritt?

Natürlich ist es immer prekär, wenn sich Forschung an gesellschaftlichen und medialen Vorgaben ausrichtet. Aber dass Medien, Fernsehen, Werbung, Bildberichterstattung usw. ein Sprungbrett für die neue Bildaufmerksamkeit gewesen ist, steht außer Zweifel.

Die Medienwissenschaften selbst könnten sich hier allerdings noch stärker gerade im Feld des iconic turn angesprochen fühlen. Zur Frage des „historischen Anlasses“: Forschung hat ja bekanntlich den Vorteil, gesellschaftliche und mediale Entwicklungen der Alltagswelt in kritischer Weise aufgreifen zu können und ihre Analyseinstrumentarien auch auf gesellschaftliche Problemfelder zu richten, Mechanismen aufzudecken, Wirkungsästhetiken zu hinterfragen, die Macht von Symbolen und (universalisierenden) Begriffen aufzudecken, Verhüllungen bloßzulegen, Unsichtbares sichtbar zu machen und vieles mehr.

Eine kritische Kunstgeschichte oder Bildwissenschaft hat eben genau dies im Sinn. Der iconic turn spielt sich schließlich nicht nur im Theorielabor ab. Auch er richtet sich ja nicht nur in einer Theorielandschaft ein, deren Hauptachsen noch dazu vom linguistic turn vorgespurt sein sollen und die er nun mit seinem Bildfokus neu durchzupflügen beginnt.

Wie verhalten sich iconic und linguistic turn zueinander?

Der iconic turn lässt sich durchaus als eine Gegenbewegung zum linguistic turn verstehen – als Erkenntnisumbruch und Methodensprung weg von der Vorherrschaft sprachlicher Zeichen, hin zu bildlich-visuellen Analysemitteln, zur Bedeutung von Zeigen und Darstellen. Bei genauerem Hinsehen lässt sich allerdings erkennen, wie inkompatibel linguistic und iconic turn doch eigentlich sind.

Der linguistic turn hatte dazu aufgerufen – kurz gesagt –, alle Wirklichkeitswahrnehmungen als Probleme der Sprache anzugehen. Haben Bilder einen vergleichbar grundlegenden erkenntnistheoretischen Status? Gib es ein Apriori der Bildlichkeit? Immerhin bleibt ja auch die ikonische Reflexion noch auf Sprachkritik angewiesen.

In meinem Buch versuche ich zu zeigen, dass es weiterführender sein kann, die Bipolarität von linguistic und iconic turn aufzuweichen, was übrigens auch für andere Formen bipolarer Entgegensetzung gilt. Reizvoller wäre zu zeigen, welche eigenen materiellen und imaginären Dimensionen durch den iconic turn eröffnet werden, welche eigenen Methoden und Zugänge zur Analyse des Visuellen, visueller Praktiken und Bildpolitik der iconic turn auf den Weg bringt.

Macht es Sinn, wenn eine Disziplin sich auf das Bildliche fixiert? Oder muss sie den Rest der Kultur immer mitdenken?

Fixierungen sind fast immer als erster Schritt nötig, um bisher ausgeblendete oder vernachlässigte Dimensionen erst einmal wieder freizuschaufeln. Für die Analyse macht also eine gewisse Fixierung im Sinne einer Selbstübertreibung zunächst durchaus Sinn. Sobald es dann aber wieder zu Vereinseitigungen und Ausblendungen kommt, was sehr schnell passiert, erkennt man die Notwendigkeit, andere Dimensionen wieder einzubeziehen, also das, was Sie den „Rest der Kultur“ nennen.

Bildlichkeit ist eben kein Universalschlüssel der Kulturanalyse. Auch die anderen turns rücken jeder auf seine (fixierte) Weise einen bestimmten Fokus in den Blick. Doch über ein Zusammenwirken der verschiedenen turns – so deutet es jedenfalls der Historiker Karl Schlögel an – könnte der Weg zur Idee einer „histoire totale“ gebahnt werden. Das heißt, Kultur, Geschichte und soziale Lebenswelt werden zunehmend differenzierter als ein Verflechtungszusammenhang von Materialität der Lebenswelten, Handlungen und symbolischer Repräsentation analysierbar.

Ich selbst würde hier die Fixierungen der turns – sei es auf Räumlichkeit, auf Bildlichkeit oder sonstiges – als strategische Fixierungen deuten. Ihr Ziel ist, wie schon gesagt, gegen die Sprachverengungen des linguistic turn verdrängte Dimensionen wieder einzuholen: Räumlichkeit, materielle Dimensionen, Handlungs- und Erfahrungszusammenhänge und natürlich Bildlichkeit – eben den „Rest der Kultur“.

Jedenfalls kann ich nur wiederholen: Kultur besteht nicht nur aus Bildern. Den „Rest der Kultur“ mitzudenken, ist aber auch keine Lösung. Schließlich haben die „turns“ eine „Sprengkaft“ für das Kulturverständnis selbst. Es wird zunehmend ökonomische, soziale und politische Lebens- und Analysezusammenhänge einbeziehen müssen, um einer globalisierten Welt überhaupt noch gerecht werden zu können und nicht in die Nische einer Kulturalisierung der Probleme abzudriften. Ein solcher Versuch, die Sphäre der kulturellen Analyse selbst zu erweitern, ist sicherlich eine Herausforderung nicht nur für den iconic turn, sondern für die Kulturwissenschaften insgesamt.

Das Interview führte Stefan Heidenreich aus dem Anlass des neu erschienen Buches:

Doris Bachmann-Medick:

Cultural Turns. Neuorientierungen in den Kulturwissenschaften

rowohlts enzyklopädie 55675, Reinbek 2006, 410 S., € 14,90 / sFr 26,80

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