Bildwissenschaften in Krems

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grau_oliverIm niederösterreichischen Krems wurde ein Zentrum für Bildwissenschaften neu gegründet. Prof.Oliver Grau, der Leiter des Instituts skizziert für Iconicturn die Aufgaben des neuen Studiengangs.

Am Zentrum für Bildwissenschaften verbindet das Kremser Modell Theorie und Praxis in besonderer Weise: Unser Studium etwa in den Masterkursen MedienKunstGeschichte, Bildmanagement oder Fotografie findet insbesondere vor dem Original statt, dies wird durch 30.000 Blatt Druckgraphik im Stift Göttweig, www.virtualart.at, die größte Datenbank Digitaler Kunst, die Filmsammlungen der österreichischen Filmgalerie, unser Fotografienetzwerk und nicht zuletzt durch 100.000 historische Buchtitel, darunter über 1000 Handschriften, möglich. Diese Sammlungen, die wir zudem schrittweise digitalisieren und kostenfrei ins Netz bringen, gaben für mich den Ausschlag, den Ruf der Donau-Universität auf die international erste Professur für Bildwissenschaft anzunehmen. Seither konnten wir der MedienKunstGeschichte, den Bildern in Naturwissenschaften und Politik und nicht zuletzt den zunehmend wichtigen Fragen der Erhaltung digitaler Bildwelten und dem Bildmanagement neue Programme widmen.

Unsere Studenten haben ein Durchschnittsalter von 35 Jahren, sie sind Museumsangestellte, arbeiten auf dem Film-, Video-, Fotomarkt oder sie sind Hochschulabsolventen, Profis, die für ihr berufliches Weiterkommen ein Upgrade suchen und in low residency Lehrgängen, die strikt auf 18-20 Teilnehmer beschränkt sind, das neueste Wissen nachfragen. Für uns stellt dies natürlich eine permanente Herausforderung dar, doch wird dies durch eine internationale Faculty – oft die wichtigsten Experten auf ihren Gebieten – realisiert. Ausnahmslos jede Lehrveranstaltung wird evaluiert, sodass wir durch die innovativen Studiengänge für die Studierenden eine neue Balance aus Spezialisierung, Kompetenz und Urteilsfähigkeit anstreben.

Welches Verhältnis besteht zwischen Praxis und Theorie? In der Ausbildung?

Unser Ansatz ist erfrischend traditionell und heißt: „Zurück zu Humboldts Wurzeln!“ Theorie kann heute, in unserer zunehmend technisch geprägten Zeit, nicht ohne praktische Grundlagenkenntnisse wachsen und bestehen: Apparat- und Datenbankkenntnisse, Wissen um die Entstehung der vielen Formen von technischen Bildern, denen wir ausgesetzt sind und die wir zielgerichtet einsetzen, sind Voraussetzung zu ihrem Verständnis und zu jedem ernsthaften Versuch einer kritischen Auseinandersetzung mit der Kultur der Gegenwart.

Ohne adäquate praktische Anteile in der Lehre können die Geisteswissenschaften heute ihre Aufgabe einer seismographischen Beschreibung der gegenwärtigen Lage der Welt – die Entzauberung durch Historisierung – nicht mehr erfüllen.

Welche Disziplinen sind für die Bildwissenschaften zentral?

Aus dem Fach Kunstgeschichte kommend, ist in den letzten Jahrzehnten in der Bildwissenschaft ein fruchtbarer Mix an Disziplinen herangewachsen: Unter dem Eindruck der oft spontan und glücklich erlebten Innovation der neuen, „eigenen“ technischen Bilder haben Kollegen nicht zuletzt in den Naturwissenschaften versucht, auch eigene Theorieangebote zu finden. Konferenzen wie Image & Meaning oder jüngst die Initiative der VW-Stiftung mit ihrer unabdingbaren und höchst produktiven Konfrontation von Natur- und Geisteswissenschaften helfen, beiderseitig voreilige Schlüsse abzubauen und eine Theoriebildung anzuschieben, welche Bildgeschichte und ein möglichst umfassendes Panorama alter und neuer Bildphänomene berücksichtigt.

In Kenntnis des Bild- und Theorieschatzes, den die Kunstgeschichte erarbeitet hat, die ja spätestens seit den 20er Jahren Bildwissenschaft ist, liefern neben der Kunstgeschichte heute insbesondere diejenigen Fächer nennenswerte Bildthesen, die, wie die Kunstgeschichte, vom Beispiel und von der Praxis ausgehen.
Ein Kernproblem aktueller Kulturpolitik stellt zudem die verbreitete Unkenntnis der Ursprünge der audiovisuellen Medien dar. Diese steht im diametralen Gegensatz zu gebetsmühlenhaft vorgetragenen Forderungen nach Ausbildung von Bild- und Medienkompetenz; und angesichts der aktuellen Medienumbrüche, die kaum absehbare gesellschaftliche Folgen bewirken, ist dies besonders zu bedauern. Bildwissenschaft heißt daher nicht, den Experimental-, Reflexions- und Utopieraum Kunst zu verabschieden – im Gegenteil: innerhalb der erweiterten Grenzen wird die fundamentale Inspiration, wie sie von der Kunst für Technik- und Mediengeschichte ausgegangen ist und mit Namen wie Leonardo, della Francesca, Pozzo, Barker, Daguerre, Morse, Valery, Eisenstein und vielen anderen Vertretern der jüngsten Medienkünste verbunden ist, besser deutlich.

Bildwissenschaft ist ein offenes Feld, das sich gleichermaßen dem widmet, was zwischen den Bildern liegt, und das im Zusammenspiel mit Psychologie, Neurowissenschaften, Philosophie, Emotionsforschung und anderen Wissenschaften stets neu erschlossen werden muss.

Welche Rolle spielt für dich, für die Lehre dein Spezialgebiet, die
immersiven, virtuellen Bilder?

Neben der „MedienKunstGeschichte“, hier kommt im Herbst mein neues Buch bei MIT-Press, der Emotionsforschung, Forschungsergebnisse erschienen soeben unter dem Titel „Mediale Emotionen“ bei Fischer, und natürlich einer Reihe von anderen bildwissenschaftlichen Gebieten gilt mein Interesse weiterhin den immersiven Bildwelten der „Virtuellen Kunst“, die, bis dahin unerforscht, mittlerweile erfreulich weit rezipiert und in eine Reihe von Sprachen übersetzt ist.

Durch Übersetzungen ins Chinesische und Koreanische entstehen für mich ganz neue interkulturelle Diskussionen zur Immersion, die ich bald versuchen möchte vorzustellen. Die zunehmende Verschmelzung zu multimedialen und polysensuellen Erfahrungswelten – ob in Wirtschaft, Entertainment, Politik oder der Wissenschaft, die zunehmend auf emotionale Erlebnisse zielen, welche massiv unterschwellige Botschaften formulieren – bleibt ein Kernthema der Bildwissenschaft, das künftig, so ist anzunehmen, noch an Bedeutung gewinnen wird.

Welche akademischen Vorhaben oder Pläne hältst du für besonders interessant?

Zwei weitere möchte ich zumindest nennen:
Zentral bleibt für uns die Erforschung der Digitalen Kunst, unter dem Vorzeichen ihres Erhalts, denn keine Kunstmedien der Geschichte sind so gefährdet wie digitale Speichermedien. Bildwelten, die vor kaum 10 Jahren entstanden, sind heute in der Regel bereits verloren, sodass immer häufiger unser Pionierarchiv www.virtualart.at das einzige Bildzeugnis dieser Kunst unserer Zeit liefert. Eine Erforschung sachgerechter Dokumentation und Langzeiterhaltung digitaler Kulturgüter ist Voraussetzung, dass wir diese künftig nicht aus unserem Kulturschatz und Kulturgedächtnis streichen müssen.

Daneben entwickeln wir zur Zeit ein Programm, das den zahlreichen Ambitionen, natur- und geisteswissenschaftliches Bildwissen zusammenzubringen, einen institutionalisierten Rahmen gibt. Low Residency Lehrgänge eröffnen Naturwissenschaftlern Gelegenheit, einen Überblick über das weite Gebiet der Bildtheorie zu erlangen, um diese in den Dienst ihrer eigenen Forschung zu stellen – umgekehrt erlernen Geisteswissenschaftler die Praxis der jüngsten Bildtechniken und kommen so – gemeinsam – zu Erkenntnissen aus Erfahrung, die, dem Kremser Modell folgend, Theorie und Praxis weiterführen.

Das Interview führte Stefan Heidenreich

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