Bilderkriege

, ,

mirzoeff_bilderkriegeGlobalisierung führe, so Mirzoeff, zu einer Hypervirtualität des Visuellen, einer unkontrollierten und unbegrenzten Produktion von Bildern. Sie trifft auf zwei widerstreitende Kräfte. Auf der einen Seite stehen Staaten, die versuchen, den freien Fluss der Bilder zu kontrollieren. Auf der anderen Seite herrscht die visuelle Anarchie der vielen einzelnen Individuen. Dem Antagonismus der beiden Positionen entsprechen jeweils unterschiedliche Modelle bildhafter Geschichtsschreibung.

Der schottische Philosoph Thomas Carlyle hatte im 19. Jahrhundert die These vertreten, dass nur durch die Figur eines Helden Geschichte bildhaft werden kann. Mit der neuen Vielheit der Bilder stehen der auf Helden fixierten Abbildung andere Zeugnisse der Ereignisse gegenüber. Mirzoeff ordnet diese anti-heroische Bildproduktion dem schillernden Begriff der „Multitude“ zu.

In den Bilderkriegen der jüngsten Zeit sieht er drei verschiedene Modi wirksam:

    - eine Ökonomie der Aufmerksamkeit
    - den Ausnahmezustand
    - die Multitude

Die Rolle der Aufmerksamkeit zeigt sich am deutlichsten in der Entwicklung des Internets, wo sie sich in Form von Klicks manifestiert. Es gilt dort nach Mirzoeff der Grundsatz „to look is to labor“.

Der zweite Modus äußert sich im Bestreben politischer Machthaber, die Verbreitung und Produktion von Bildern zu kontrollieren. Das betrifft sowohl den Terror wie auch die visuell inszenierte Kampagne des „Shock & Awe“ im Irakkrieg. Durch Bilderströme lassen sich Regime diskreditieren oder Terroristen zu mythischen Figuren aufladen, wie etwa Al Zarqawi, der gleichzeitig einer der meist gesuchten und meist gezeigten Figuren geworden ist.

Die dänischen Mohammed-Comics begreift Mirzoeff in ihrer Funktion innerhalb des visuellen Ausnahmezustandes. Sie verschärfen den Konflikt und spielen damit den Fundamentalisten auf beiden Seiten in die Hände.

Gegen beide Modi des Bilderkriegs fordert Mirzoeff die Bildproduktion von Seiten der „Multitude“, der vielen einzenen Individuen. Sie sollten sich die Kräfte der Imagination wieder aneignen und demokratisieren.

In der nachfolgenden Podiumsdiskussion machte Walid Sadek aus Beirut auf die Gegensätze zwischen westlicher und orientalischer Bildpolitik aufmerksam. In seiner Heimatstadt rekrutiert die Hisbollah ihre Anhänger mit emblematischen Abbildungen, die Selbstmordattentär als Märtyrer stilisieren. Bildrezeption ist dort nicht Kontemplation sondern Mobilisierung.

Der Politikwissenschaftler Kai Hafez kritisierte den Ansatz Mirzoeffs in zwei grundsätzlichen Punkten. Zwar sind Bilder unvergleichlich leicht zu transportieren. Aber die dazugehörigen Texte und Kontexte bleiben in der Regel lokal. Sie werden nicht mit transportiert. Damit bleiben  die Bilder unverstanden. Ihr Konfliktpotenzial rührt von diesem Missverständnis her und lässt sich im rein visuellen Fakt nicht begründen.

Darüber hinaus sieht er das Verhältnis von Bildlichem und Politischem anders als Mirzoeff. Zwei Ebenen müssten deutlich voneinander unterschieden werden: der visuelle Inhalt und die politischen Verhältnisse. Gerade die Beziehungen zum Orient sind nach wie vor von westlicher Hegemonie, wenn nicht gar von einer neuen Form des Kolonialismus geprägt. Erst diese politische Asymmetrie lädt die Bilder mit Konfliktpotenzial auf. Machtpolitische Veränderungen gehen den Bildern voraus, so Hafez. Die tatsächlichen Machtverhältnisse werden von politischen Eliten bestimmten, deren Interessen gegen Kommunikation oder Bilder resistent sind. Bilder dienen lediglich dazu, Öffentlichkeit symbolisch aufzuladen.

Mirzoeff widersprach diesem Argument. Es wiederholt die tradierte Unterscheidung von Basis und Überbau, die im Übrigen dem technischen Bild von Schienenweg und dem Zug nachempfunden sei. Diese Metapher taugt nicht, um die gegenwärtigen Netzwerke der Information zu beschreiben. Die Politik wird ungleich stärker als früher von ihrer visuellen Erscheinungsform geprägt. Dazu trägt nicht zuletzt die verteilte Bildproduktion der Multitude bei, wie Mirzoeff sie gerade in Blogs entstehen sieht.

Nicholas Mirzoeff lehrt in New York. Er hat u.a. den “Visual Culture Reader” (Routledge 1998) herausgegeben.

Kommentieren ist momentan nicht möglich.