„Heiliger Grobianus“ – Historisches zum Karikaturenstreit

– von Reitinger, Franz

reitinger_autoausIm Zuge der Vorbereitungsarbeiten zur Berliner Festwochen-Ausstellung Europa und der Orient des Jahres 1989 zogen die Ausstellungsorganisatoren eine Miniaturmalerei aus dem 15. Jahrhundert aus Furcht vor muslimischen Übergriffen zurück. Die entsprechende Miniatur stellte dar, wie Mohammed im siebten Himmel von den aus der Überlieferung des Koran als “Huris” bekannten Paradiesjungfrauen verwöhnt wurde… Die Abbildung war, unbeschadet der fünfhundert Jahre, die seit ihrer Entstehung verstrichen waren, bis in die Gegenwart brandaktuell geblieben. Das Fragment einer fremden Zeit hatte sich wie eine Wunde in das Geschichtsgefüge der abendländischen Kulturentwicklung gegraben.

Seither sind auch andere Beispiele von angstgeleiteter Vor- und Selbstzensur bekannt geworden. Die völlig überzogenen Reaktionen, die zwölf mittelmäßige Karikaturen Monate nach ihrem Erscheinen in einer Tageszeitung eines europäischen Kleinstaats in weiten Teilen der islamischen Welt auslösten, sind so gespenstisch wie absurd… In der Diskussion um die aktuellen Vorfälle wird meist übersehen, dass in dem Konflikt zwei Komponenten einander überlagern: Im Mittelpunkt der Medienberichterstattung steht naturgemäß das Bilderverbot und damit die Auseinandersetzung um kirchenrechtliche Fragen, die die Visualisierung sichtbarer und unsichtbarer Tatsachen betreffen. Wie weit reicht die religiöse Sphäre in das öffentliche Leben? Gelten religiöse Vorschriften auch für die Politik, die Justiz, die Wissenschaft oder die Kunst? Vor der Kodifizierung des bürgerlichen Rechts und der Etablierung einer zivilen Rechtssprechung war es in den meisten europäischen Ländern üblich gewesen, religiöse Vergehen nach kirchlichem Recht zu ahnden. Goya war einer der letzten Künstler gewesen, die das blutige Treiben von Inquisition und Autodafé aus eigener Anschauung kannten und in ihren Werken anprangerten.

Das Prinzip der Gewaltenteilung und die Ausdifferenzierung der westlichen Gesellschaften in verschiedene Kompetenz- und Verantwortungssphären führten zur Einschränkung der jeweiligen Teilbereiche und ihres absoluten Geltungsanspruchs. Die Ausbildung eines öffentlichen Raums gestattete die Verhandlung und Vermittlung dieser Sphären auf breiter Grundlage. Der Effekt dieses gewaltenteiligen Systems lässt sich etwa am Beispiel der calvinistischen Bilderstürmer darlegen. Calvins Bilderverbot blieb auf den Kirchenraum beschränkt und konnte den Aufschwung von Kartographie, wissenschaftlicher Buchillustration, Genre- und Landschaftsmalerei in den Niederlanden, England und den Vereinigten Staaten nicht verhindern.

In den fraglichen zwölf Karikaturen geht es nicht nur um die Problematik des Bilderverbots. Ebenso wichtig ist die Frage: Welchen historischen Stellenwert hat das Lachen und die Erzeugung von Lacheffekten mittels sprachlichen und ikonischen Zeichen in der islamischen Welt überhaupt? Bis heute gilt die politische Karikatur nach englischem Vorbild als Inbegriff einer Demokratisierung des Bildes. Ihre Erfindung zu Anfang des 18. Jahrhunderts ist als eine Folge der durch die Glorreiche Revolution in Gang gesetzten demokratischen Erneuerung des politischen Systems in England anzusehen. In einer Zeit, als im übrigen Europa das Lachen in Bildern durchwegs als Lachen von oben, das heißt, als Propaganda im Dienst der Herrschenden begriffen worden war, exerzierten englische Karikaturisten vor, wie man sich den gewaltlosen Schlagabtausch zwischen Anhängern der Regierung und der Opposition vorzustellen habe. Bildsatire war nie unschuldig, egal ob man an die Flugblattpropaganda im niederländischen Befreiungskampf und im Dreißigjährigen Krieg oder an die breit gefächerte Bildpublizistik denkt, die die Jakobinerrevolution im Frankreich des 18. Jahrhunderts begleitete. Kolonialismus und nationalstaatliche Politik trugen dazu bei, dass die politische Karikatur viel von ihrer Glaubwürdigkeit verlor und zu einer ebenso grimmigen wie blutrünstigen Angelegenheit wurde…

Die Entwicklung der religiös motivierten Bildsatire verlief anders als die der politischen Karikatur. Die Verspottung religiöser Parteien war dem byzantinischen Bildkreis nicht unbekannt und erreichte im Zuge der konfessionellen Auseinandersetzungen am Beginn der Neuzeit relativ früh ein beachtliches Niveau. Schon die alten Griechen hatten sich über ihre Götter lustig gemacht und auch in der christlichen Welt war es nur ein kleiner Schritt vom verehrten Volks- zum verlachten Säulenheiligen. Die Bildsatire Europas scharte ein ganzes Pandämonium fragwürdiger Pseudo-Heiliger wie den heiligen Grobianus oder die heilige Seltenfried um sich, denen man in parodierender Absicht Altäre baute und Opfer darbrachte. Lediglich das Bild Gottes blieb in seiner dreifachen Gestalt als Schöpfergott, als Religionsgründer und als Zeitenrichter von der religiösen Polemik verschont. Dies hinderte die himmlischen Mächte jedoch keineswegs, in den Spottdrucken als sanktionierende Instanz in Erscheinung zu treten.

Interessant erscheint aber doch, dass der Vorgang der Gotteslästerung innerhalb der christlichen Bildtradition immer wieder über die Jahrhunderte thematisiert wurde und sich dem christlichen Gedächtnis im Bild des Gottesattentats einprägte. Die Motivgeschichte des Gottesattentats ergibt ein über mehrere hundert Seiten langes, lesenswertes Kompendium all jener Schüsse, die Ihn nicht erreichten“. Die damit verbundene Bildvorstellung war indes keine originär christliche, sondern wurde vor 1200 wie andere Stoffe und Motive aus dem arabischen Raum übernommen. Die Evokation des Lästerungsvorgangs im Bild war seither Teil der christlichen Abschreckungsstrategie mit der Folge, dass der Tatbestand des Gottesattentats als solcher affirmiert wurde und die Möglichkeit von Folgeattentaten als permanente Bedrohung im Raum stand…

Es wäre eine Illusion zu glauben, wir lebten in einer Epoche der Gleichzeitigkeit, in der die historischen Zeiten in der Virtualität eines technisch vermittelten Raums einfach kollabierten. Zweihundertfünfzig Jahre dauerte es etwa, bis die Motive des humoristischen Volksbilderbogens, wie sie in Deutschland seit dem 15. Jahrhundert Verbreitung fanden, auch Russland und Skandinavien erreichten. Die politische Karikatur wurde in vielen europäischen Ländern erst mit hundertjähriger Verzögerung heimisch. Den Napoleonischen Kriegen kam dabei ebenso katalysatorische Bedeutung zu wie der Studentenrevolution und der Einführung der Pressefreiheit im Jahr 1848. Die globale Beschleunigung unserer modernen Gesellschaften lässt darüber hinwegtäuschen, dass Bereiche der symbolischen Kommunikation nicht mit der allgemeinen Entwicklung Schritt gehalten haben. Es scheint sich jetzt zu rächen, dass viele der nicht-westlichen Gesellschaften wesentliche Entwicklungen des Bildes übersprungen haben, um unversehens im globalen Dorf zu landen, das nun seinerseits den überlieferten Vorstellungen unterworfen werden soll. Nur so ist es zu verstehen, dass eine vormoderne Bildform wie die Karikatur und nicht etwa ein avanciertes Medienprodukt oder ein zeitgenössisches Kunstwerk den Anstoß zu den aktuellen Protesten gab…

Es wäre ein grober Fehler, die Macht der Bilder zu unterschätzen. Die Vergangenheit bietet mehrere Beispiele dafür, dass Bilder Kriege auszulösen vermochten, zuletzt im späten 17. Jahrhundert als England den Holländern den Krieg erklärte, weil diese die englischen Staatssymbole in Spottbildern verächtlich gemacht hatten. Die heftige und unverhältnismäßige Massenreaktion, die die zwölf besagten Karikaturen in einigen Weltregionen auszulösen imstande sind, erklärt sich wohl am ehesten damit, dass der Ort des Göttlichen als eine Art ultimatives Heiliges betrachtet wird, das der allgemeinen Nivellierung der Werte durch eine kommerzialisierte Medienwirklichkeit entgegensteht, in der die überlieferten Wertvorstellungen nur noch in den Figuren ihrer Verkehrung und Pervertierung fortbestehen. Die Situation wird in diesen Ländern dadurch erschwert, dass der auf den Menschen lastende Modernisierungsdruck, anders als dies die Medien suggerieren, kaum durch Wohlstandsgewinne abgefedert wird. Die aufgestauten Gefühle der Frustration und Verzweiflung lassen viele derart – nicht anders als schon in den Ländern der ehemaligen Achsenmächte zu Anfang der dreißiger Jahre zu einem willfährigen Instrument der politischen Manipulation werden.

Tatsächlich geht es im Kern der Auseinandersetzung überhaupt nicht um die mutwillige Verletzung von Gefühlen, sondern, im Gegenteil, um die politisch motivierte Verschleierung und Tabuisierung von Verhältnissen der Unterdrückung, für die die Religion den willfährigen Vorwand abgibt. Genau diese Verhältnisse sichtbar zu machen, sind alle im Einzugsbereich des Bildes tätigen Kulturschaffenden aufgerufen.

Mit hehren Worten wurde dieser Tage die Freiheit der Kunst beschworen. Doch geht es hier in der Sache tatsächlich um Kunst? Wenn uns daran gelegen ist, in den islamischen Ländern verstanden zu werden, täten wir vermutlich besser, es bei dem Rekurs auf die essenziellen Grundrechte der Meinungs- und Pressefreiheit bewenden zu lassen. Dass es einer subventionierten Freiheit bedarf, um den Auswüchsen einer liberalisierten Freiheit zu begegnen und etwas vom Ideal der großen Freiheit in den heutigen Medienalltag hinüberzuretten, dürfte von außen nur weitere Fragen provozieren. Die eigentliche Herausforderung besteht in der Erhaltung und langfristigen Sicherung eines repressionsfreien Raums zur Artikulation kontroverser Meinungen, nicht aber in dem Beharren auf alten und der Schaffung von neuen Privilegien.

Abbildung: Francisco Goya: Inquisitionsszene (Ausschnitt), ca. 1816, Königliche Akademie von San Fernando, Madrid

(Franz Reitinger ist Historiker mit den Spezialgebieten Neuzeitliche Bildforschung, Randformen des Bildes und Kartographie der praktischen Vernunft.)

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