Bildwahrnehmung und Sprachprozesse

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von Bernd Scheffer

bildwahrnehmung_magritteBilder und Bildwahrnehmungen sind etwas anderes als das, was beschrieben, also in explizite Sprache umgesetzt wird, auch wenn Sprachprozesse an der Bildwahrnehmung beteiligt sind. Bernd Scheffer über Bildwahrnehmung und den Sprachanteil bei Wahrnehmungsprozessen.

Vorbemerkung: Auch wenn Bildwahrnehmung stark durch Sprachprozesse beeinflusst ist, muss man skeptisch bleiben gegenüber einer neueren Kulturwissenschaften, die oft leichtfertig proklamiert: „Alles ist Text!“ Ganz bestimmte Bilder, genauer gesagt: ganz bestimmte Bildwahrnehmungen (etwa anlässlich von Bildern des Malers Mark Rothko) haben unter ganz bestimmten Umständen – metaphorisch ausgedrückt – auch eine große Kraft, sich gegen sprachliche Einflüsse zu „wehren“. Im übrigen ist daran zu erinnern, dass die unerlässliche sprachliche Beschreibung von Bildern in der Wissenschaft in einem heiklen, potentiell sogar blamablen Verhältnis zu den Bildern und auch zu der Bildwahrnehmung steht: Bilder und Bildwahrnehmungen sind etwas anderes als das, was anschließend beschrieben, also in explizite Sprache umgesetzt wird. Gleichwohl gilt:

Praxis-Hinweise: Sprachprozesse können in der Bildwahrnehmung kommentierend, selegierend, strukturierend und klassifizierend werden. Sprachprozesse beeinflussen die Figur-Hintergrund-Unterscheidungen. Sprachprozesse machen aus reduzierten Bildern ausreichend vollständige Wahrnehmungen. Sprachprozesse können die Wahrnehmung von Bildern irritieren („Ceci n’est pas une pipe“) und „pushen“ (im Journalismus, in bestimmten Sparten der Bildenden Kunst mit auffälligen Bildtiteln und Zusatztexten).

Sprachprozesse können ein bekanntes Bild, das materiell überhaupt nicht vorliegt, bis in kleinste Einzelheiten hinein „sichtbar“ werden lassen: „Marylin Monroe auf einem Luftschacht“, „Brandt kniet“, „Che Guevara“ etc. Bild und Text sind in vielen Bereichen ununterscheidbar, verwechselbar geworden (von der Visuellen Poesie bis hin zu den Schriftbildern der Bildenden Kunst bis hin zur Werbung bis hin zu Schriftdarbietungen in Musikvideos).

Bildern ist Temporalität in mehrfacher Hinsicht möglich. Bilder werden eben nicht auf einen Blick erfasst (Fovea-Bewegungen, Saccaden und Fixationen, Nystagmus-Fluktuationen). Es macht (unter bestimmten Voraussetzungen) durchaus durchaus Sinn, von „Reading Images“, von „Visual Litteracy“, von einer “Syntax des Sehens” zu sprechen. Keine (fotografische) Momentaufnahme ist in der Bildwahrnehmung noch als der „eine Augenblick“ zu realisieren: Wahrnehmungsprozesse anlässlich von solchen Bildern konstruieren hierbei (zum Teil sprachlich beeinflusst) ein Vorher und Nachher, schaffen damit unvermeidlich eine kleine Geschichte und erfüllen damit die Kriterien von „Narratio“, auch von „Erzählen“ (wenn freilich auch nicht in expliziter Textform). Anlässlich von Bildern lassen sich ohne die Zugabe expliziter Texte durchaus Thesen und kausale Verhältnisse entfalten, auch argumentative Denkoperationen (vgl. Titelseiten von „Spiegel“ oder „Stern“):

1. Theorie-Hinweis: Abgesehen von hochgradigen ähnlichen Wahrnehmungsroutinen, abgesehen von weitreichender Ähnlichkeit und weitgehend unstrittiger Konsensualität müssen wir alles, was anlässlich von Bildern überhaupt der Fall ist, an Beobachtungen, mithin an Unterscheidungen zu binden, die zwar von materiell vorgegebenen Bild bereitgestellt, aber selbst nicht allein nur dort vollzogen werden. Schriftliche Texte sprechen nicht, sondern sie werden zum Reden gebracht. Bilder zeigen gar nichts, sondern mit ihrer Hilfe und mit Hilfe von Beobachtungsleistungen wird etwas sichtbar. Bilder sind wie optische Instrumente (wie Brillen, Fernrohre, Mikroskope): Sie zeigen nichts von sich aus, verhelfen aber zu Bildwahrnehmungen, die ohne sie nicht möglich wären. Anlässlich von Bildern kamen nur das nehmen, was man auch geben kann (Wissen) und geben will (Emotion). Man kann auf ein Bild nicht nicht reagieren, man reagiert also gezwungenermaßen auf ein Bild, aber „das Bild selbst“ determiniert keine einzige konkrete Wahrnehmung. – Auf der Gegenstandsseite sind Aussagen wie „Bilder haben nichts mit Sprache zu tun“, „Bilder erzählen nicht!“, „Bilder argumentieren nicht!“ selbstverständlich völlig richtig. Mithin kann eine Diskussion darüber, wie stark Sprachanteile von Bildern sind, ob und wie stark Bilder erzählen, ob Bilder argumentieren und wie stark sie es tun, sinnvoll überhaupt nur auf der Seite der Bildwahrnehmung geführt werden.

2. Theorie-Hinweis: Die Wahrnehmung von Texten, die Wahrnehmung von Erzähltexten, die Wahrnehmung von sprachlich vorgetragenen Argumenten ist in der wahrnehmungs-physiologischen und wahrnehmungs-psychologischen Realisation alles andere als ein rein sprachliches Phänomen ist. Auch in der anhaltenden „Imagery-Debatte“ gibt es keinen Streit darüber, dass rein sprachliche Darbietungen auf der Wahrnehmungsseite nicht nur sprachlich, sondern zusätzlich auch visuell codiert werden. Das erlaubt den Umkehrschluss: Auch Bilder werden nicht nur visuell, nicht nur mono-modal codiert, sondern „multimodal“, „multisensorisch“, „multimedial“. Wie anders soll man es erklären, dass einem beim Durchblättern eines gut illustrierten Kochbuchs das Wasser im Mund zusammenläuft, dass man anlässlich von Konzert-Fotografien deutliche akustische Vorstellungen (Miles Davis mit der Trompete) haben kann, dass uns anlässlich des Bildes von einer gemähten Wiese der Duft von Gras oder Heu in den Sinn kommt o.ä.

Der Spracheinfluss mag im Einzelfall verschwindend gering sein und in bestimmten Beschreibungssituationen der jeweiligen Bildwahrnehmung gewissermaßen auch irrelevant sein, der Sprachanteil mag also gegen Null tendieren, aber er kann, allein schon aus physiologischen Gründen, den Nullpunkt niemals ganz erreichen. Da Bilder in der Bildwahrnehmungen unvermeidliches kontextualisiert werden, kann Bildwahrnehmung gar nicht rein visuell sein. Sprache wird mächtig, weil sie unvermeidlich mit Bildern zu tun hat. Bilder werden mächtig, weil sie unter anderem auch mit Sprache zu tun haben.

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