Symbolik der Papstbestattung

– von Zitzlsperger, Philipp

Papstbestattungvon Philipp Zitzlsperger

“Der Papst ist tot, es lebe der Papst” – so könnte das Motto der Papst-Exequien lauten, was so viel heißen würde wie “der Papst ist tot, doch das Papsttum stirbt nie”. Um die Unterbrechung der Kontinuität nach dem Tod des Papstes zu kaschieren, erfand die Kirche eine ganz spezielle Bestattungssymbolik.

Die katholische Monarchie des Vatikanstaates ist eine Sonderform, die im kirchlichen Zeremoniell ihre Darstellung findet. In dieser Hinsicht sind die Feierlichkeiten der Papst-Exequien (lat. exsequi = begleiten) nicht nur eine inszenierte Kollektivtrauer um den Verstorbenen. Darüber hinaus symbolisiert das zeremonielle Großereignis auch das historische Wesen des Papsttums an sich. Dieser Kontext dürfte weitgehend in Vergessenheit geraten sein. Der Vatikanstaat ist bekanntlich eine der letzten, uneingeschränkten Monarchien in Europa. Einen Sonderstatus nimmt er ein, weil er schon immer als Wahlmonarchie verfasst war, in der der Papst von den Kardinälen gewählt werden muss. Der Unterschied zu den übrigen Monarchien Europas besteht also darin, dass keine Erbfolge den päpstlichen Thronfolger bestimmt, sondern die Wahl. Wegen des Zölibats kann der Papst keinen Sohn zum Nachfolger bestimmen – die zahlreichen Ausnahmen aus der Frühneuzeit bestätigen die Regel.

Kontinuität seit Petrus

Dieser Unterschied zur herkömmlichen Dynastie erforderte für die kirchliche Wahlmonarchie komplizierte Erklärungsmodelle, denn einerseits wird dem Papstamt seit dem Apostel Petrus unbegrenzte Kontinuität attestiert, andererseits jedoch wird diese Amtskontinuität durch den Papsttod unterbrochen; kein Sohn tritt die Nachfolge an, in dessen Körper und Geist der Vater fortlebt. Die Sedisvakanz zwischen Papsttod und Neuwahl stellt ein Machtvakuum dar, das in jeder schlüssigen Staatstheorie für Monarchien nicht vorgesehen ist.

Die Exequien wurden zum Scharnier zwischen Tod und Leben, um die Unterbrechung der Kontinuität nach dem Papsttod zu kaschieren. Bereits im Mittelalter wurde das Begräbnis des verstorbenen Papstes als Präludium der Krönung seines Nachfolgers inszeniert. Verständlich wird der enge Zusammenhang von Papstbestattung und -krönung bereits im Krönungszeremoniell selbst, das in der Vergangenheit viel offensichtlicher als heute für die Unsterblichkeits- bzw. Wiedergeburtssymbolik stand. So musste der neue Papst bei seiner Krönung vor dem Kirchenportal von S. Giovanni in Laterano einen Sitz-Liege-Ritus durchführen, der in der Zeremoniensprache “sedere e giacere” genannt wurde. Dafür bestieg er einen roten Marmorstuhl, auf den er sich nicht nur zu setzen, sondern auch zu legen hatte, um den lebenden und den toten Papst zu imitieren. Dieses Zeremoniell versinnbildlichte sowohl die Vergänglichkeit, als auch die mystische Wiedergeburt der Amtsperson Papst. Für die Wiedergeburt stand vermutlich auch die Form des Marmorstuhls selbst, der den kaiserlichen Latrinen entstammte. Mit seinem entsprechenden Loch in der Sitzfläche symbolisierte er im Zeremoniell einen Gebärstuhl, der jedoch heute längst ausrangiert ist.

Im Krönungsgewand

Das Begräbniszeremoniell für den verstorbenen Pontifex griff konsequent den Verweis auf die mystische Wiedergeburt des Papstes auf, indem der aufgebahrte Leichnam in jenes liturgische Gewand gekleidet wurde, das der Papst zu seiner Krönung getragen hatte und danach der Neugewählte tragen sollte – dies ist heute noch Tradition. So verwies die Bekleidung der sterblichen Hülle während der Exequien gewissermaßen auf den Moment vor der Krönung. Auf dem Kopf trug sie nicht mehr die Papstkrone (Tiara), sondern lediglich die Bischofsmitra. Die Tiara war bereit, auf den Nachfolger überzugehen, der erneut mit dem Sitz- und Liegegestus den Tod als Scharnier der Kontinuität symbolisierte.

Der Symbolgehalt der Papst-Exequien ist nahezu unverändert, so wie die Wahlmonarchie unverändert geblieben ist. Einen klaren Bruch mit der Vergangenheit hingegen stellt das Papstgrabmal dar, das heute bescheiden und schlicht ausfällt. Johannes Paul II. findet seine letzte Ruhestätte in der Krypta von St. Peter. Eine einfache Grabplatte wird an ihn erinnern. Der Kontrast zu den monumentalen Papstgrabmälern in der Basilika darüber könnte so kaum größer ausfallen, und er führt uns die Dichotomie des dynamischen und statischen Selbstverständnisses des Papsttums vor Augen: während sich der Papst als Individuum im Grabmal zurücknimmt, repräsentiert sich das Papsttum nach wie vor im rauschenden Zeremoniell, das Sinnbild einer widersprüchlichen Wahlmonarchie ist.

Philipp Zitzlsperger

Philipp Zitzlsperger ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am von der DFG geförderten Forschungsprojekt “REQUIEM – Die römischen Papst- und Kardinalsgrabmäler der Frühneuzeit” (www.requiem-projekt.de) und Autor des Buches Gianlorenzo Bernini. Die Papst- und Herrscherporträts. Zum Verhältnis von Bildnis und Macht. München 2002. Der Artikel erscheint mit der freundlichen Genehmigung des Autors. Erstveröffentlichung am 8.4.05 in der Frankfurter Rundschau.

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