Bildkörper oder Körperbild

, – von Schievenhöfel, Wulf

koerperbild_schvon Wulf Schievenhöfel

In Neuguinea gibt es Papua-Kulturen, die erstaunliche Bildwerke hervorbringen. Angehörige benachbarter Kulturen kennen solche Bildwerke nicht, schmücken ihre Körper jedoch mit auffälligen Dekorationen. Warum ist das so? Der Humanethologe Wulf Schiefenhövel findet dafür zwei Gründe: religiöse Motivation und soziale Attraktivität.

Warum verändern Menschen Gegenstände über das Maß hinaus, das notwendig ist, um funktionale Werkzeuge zu erhalten, warum investieren sie Zeit und Mühe in Schmuckstücke oder Körperbemalung, warum schaffen Menschen Kunst? Ist künstlerische Kreativität selektionsneutrales Epi-Phänomen oder zentrale biopsychische Eigenschaft des Homo sapiens, die seine Eignung für die Welt erhöht? Es scheint mir, dass die evolutionsbiologische Sicht jene Basis am besten erkennen lässt, auf der künstlerische Ambitionen und Schöpfungen als allgemein menschliches Phänomen entstehen.

In Melanesien, vor allem im Inland und an weiten Teilen der Südküste der großen Insel Neuguinea, haben sich in 60.000 Jahre währender Abgeschiedenheit viele hundert Papua-Kulturen entwickelt, sozusagen als ungeplante Experimente des Menschseins. In etlichen dieser Regionen findet sich eine ungeheuer beeindruckende, expressive Bildkunst: bemalte Schnitzwerke und Masken, die man in vielen Völkerkundemuseen und anderen Tempeln der Kunst bewundern kann. In vielen Papua-Kulturen, insbesondere jenen im gebirgigen Innern Neuguineas, finden sich jedoch keine oder kaum bildnerische Kunstwerke, obgleich es zwischen den einzelnen Gesellschaften, vor allem in den jeweiligen Randzonen, Berührungen und kulturellen Austausch gegeben hat. Dort, wo Schnitz- und Malwerke fehlen, ist meist eine hoch entwickelte Kunst der Körperbemalung vorhanden.

Warum haben die Menschen in bestimmten Regionen eine so eindrucksvolle, ausdrucksstarke abbildende entwickelt, in anderen nicht? Nahezu überall gibt es jene Materialien wie Holz, Rinde, Erdfarben etc., die für die Anfertigung eines gope im Golf von Papua oder eines malanggan in New Ireland verwendet werden. Warum schnitzen die Asmat ihre riesigen phallischen Figuren und die Eipo nur kleine Pfeilspitzenornamente? Offenbar müssen die Unterschiede per Rückgriff auf kulturimmanente Mechanismen erklärt werden. Kulturen erfinden, Mutationen gleich, Spielarten des Herkömmlichen und erzeugen dann oft, möglicherweise in einer Spirale aus künstlerischer Ambition, Freude am Neuen und Konkurrenzgebaren zwischen Individuen und Gruppen, die atemberaubenden Kunstwerke, die sich in so vielen Kulturen finden, von der Fruchtbarkeitsmaske in Melanesien bis zum Ulmer Münster. Mit dem Bild wirkt man, im Sinne der Identitätsstiftung nach innen, in die eigene Familie und Gruppe, aber auch nach außen, auf andere Gruppen und, im Sinne des Wunderzeichens, auf die göttlichen Instanzen.

In Bezug auf das Bemalen und Dekorieren des eigenen Körpers ist die Frage interessant, warum sich in so vielen Kulturen die Männer um soviel aufwendiger schmücken als die Frauen. In Europa und in einigen anderen Regionen der Welt verhält es sich anders. Eine evolutionsbiologische Erklärung für die unterschiedlichen Traditionen könnte in folgendem Zusammenhang liegen: Für Männer in allen Kulturen sind, ethologisch ausgedrückt, paarungswillige Frauen eine limitierte Ressource, denn sie behalten sich das letzte Wahlrecht vor. Wenn sich Männer, wie es in vielen traditionalen Kulturen der Fall ist, voneinander bezüglich ihres Besitzes nur sehr wenig unterscheiden, könnte ein starker Anreiz gegeben sein, sich durch kostbaren Schmuck und aufwendige Körperdekoration von den Mitkonkurrenten abzusetzen. Frauen müssten unter diesen Bedingungen weniger Selbstdarstellung betreiben.

Die Szenerie wird dann anders, wenn sozioökonomische Schichtung entsteht, wenn einzelne Männer aufgrund entsprechender Eigenschaften oder auch nur ererbter Güter über wesentlich mehr Mittel zur erfolgreichen Etablierung einer Familie verfügen als andere. Nun wäre für Frauen ein Motiv gegeben, sich als besonders begehrenswert zu präsentieren. Dieses Szenario scheint auf jene Kulturen gut zu passen, die im Gefolge der neolithischen Revolution, d.h. der Überschussproduktion an pflanzlicher und tierischer Nahrung, eine deutliche, in vielen Fällen extreme Ungleichverteilung von Ressourcen entwickelten. Jetzt war es an den Frauen, körperlich, charakterlich und ökonomisch als attraktive Partner anzutreten.

Menschen überall möchten schön sein, in einem von der Kultur gezogenen Rahmen als Individuum auffallen, sich als eindrucksvolle und für das andere Geschlecht begehrenswerte Person darstellen. Schönheit ist in den allermeisten Fällen ein Synonym für Gesundheit und Vitalität im weitesten Sinne, somit ein biologisch relevantes Phänomen. Das Herausstellen der eigenen Person steht also klar im Dienst der Partnerwerbung, der Sexualität und Reproduktion und hat damit eine eindeutige biologische Funktion, die die Universalität der Motivation und des Verhaltens gut zu erklären vermag.

Die Körperbemalung ist aber auch kulturspezifisch und kennzeichnet damit die Zugehörigkeit des Individuums zu einer bestimmten Gruppe. Das jeweilige Ergebnis des langwierigen Schmückens einer Person ist also vor allem bestimmt durch die in der Gruppe geltende Tradition aber auch durch in gewissen Grenzen mögliche individuelle Ausgestaltung. Melanesische Gesellschaften, insbesondere die Papua-Kulturen des Inlands und der Südküste, weisen eine extreme Vielfalt und Varianz auf. Sprache, Kleidung und Körperschmuck sind gleichzeitig Ergebnis und Motor dieser kulturellen Pseudospeziation. Wie überall auf der Welt besteht ein hohes Bedürfnis nach unverwechselbarer ethnischer Identität, die sich gerade in Fest-Situationen und religiösen Riten äußert. So entstehen, im Wechselspiel zwischen universalen Wahrnehmungsmustern für Schönheit und Attraktivität des künstlerisch Hervorgebrachten einerseits sowie den je kulturspezifischen Weisen der Ausgestaltung und Bewertung andererseits Bild, Bildnis und die vielfältigen anderen Formen der Kunst.

(Wulf Schiefenhövel forscht am Max-Planck-Institut für Verhaltensphysiologie zu ethnomedizinischen und humanethologischen Themen. Er ist Verfasser zahlreicher Bücher, Aufsätze und Filme.)

Mehr zu den Bildnissen Melanesiens: Schiefenhövel, W. (2001) Bild und Bildnis – Beispiele aus Melanesien und evolutionsbiologische Überlegungen. In: Gräfin v. Spreti, F., Förstl, H., Breindl, K & Martius, Ph. (Hrsg.) Selbstbilder in Psychose und Kunst. Portraitgestaltung als Spiegel psychischer Befindlichkeit. Faktum Bd. 14. Akademischer Verlag München: 11-34.

(Abbildungsnachweis: Frau von den Trobriand-Inseln mit Gesichtsbemalung, Foto Schiefenhövel)

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